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Ausgabe 102

Die jüdischen Soldaten in der k.u.k. Monarchie

Vorzeichen der grossen Tragödie (Teil 2)

Michael MADER


Wie der Autor im ersten Teil (DAVID Nr. 101/2014) zeigte, waren Juden im k.u.k. Heer - wie seit 1867 im Habsburgerreich generell - der übrigen Bevölkerung gleichgestellt. Doch der unterschwellige Antisemitismus zeigte sich auch in der Armee. Auf einige berühmte jüdische Offiziere wird im abschliessenden zweiten Teil genauer eingegangen.

 

Eine Statistik des Jahres 1897 veranschaulicht, wie es mit den jüdischen Berufsoffizieren aussah. Im diesem Jahr, als erstmals genaue Zahlen erhoben wurden, zeigten sich im k.u.k. Heer 178 Berufsoffiziere jüdischer Religion. 1911 - das letzte Jahr, aus dem Zahlen zur Verfügung stehen - war die Zahl von 178 auf 109 zurückgegangen. Von den jüdischen Offizieren insgesamt dienten rund 80 Prozent bei Kampfeinheiten (davon 65 bis 70 Prozent in der Infanterie).1 Ein Grund für den Rückgang dürfte in der Assimilierung gebildeter Juden in die ungarische, tschechische oder polnische Nation zu suchen sein: Auch viele jüdischen Bürger schlossen sich der Ideologie des Patriotismus der jeweiligen Nation an, was wiederum bedeutete, dass ihr Interesse für eine Karriere in der vereinigenden, über-nationalen k.u.k. Armee abnahm. Ein weiterer Grund dürfte auch in der massiven jüdischen Auswanderung nach Amerika zu suchen sein, die in erster Linie die jüngere Altersgruppe umfasste. Der Antisemitismus als möglicher Faktor ist wohl nicht auszuschliessen, wenn auch die antijüdische Einstellung in der k.u.k. Monarchie im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts nicht häufiger als den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts anzutreffen war. Doch im Jahre 1901 hatte der neue Kriegsminister General Edmund Krieghammer jüdischen Ärzten, die eine Militärkarriere ins Auge fassten, Stipendien für die Universität verweigert. Dies, obwohl bereits viele jüdische Militärärzte in der k.u.k. Armee dienten und ein früherer Kriegsminister einige jüdische Militärärzte in die höchsten Ränge befördert hatte. Krieghammer verhinderte es fast ausnahmslos, dass jüdische Militärärzte in den Berufsstatus überstellt wurden. Die „Monatsschrift der Österreichisch-Israelitischen Union" sah den Rückgang der Zahl jüdischer Truppenoffiziere und Militärärzte im anwachsenden Antisemitismus begründet. Der grosse Rückgang jüdischer Berufsoffiziere innerhalb von nur vierzehn Jahren, verbunden mit einem Rückgang des Anteils jüdischer Berufs-Militärbeamter barg zweifellos Alarmierendes in sich.

Neben anderen Gründen spielte für die Abnahme der jüdischen Berufsoffiziere umgekehrt die grosse Zahl jüdischer Einjährig Freiwilliger, verbunden mit einer Reserveoffiziers-Laufbahn, sicherlich eine wesentliche Rolle.2 War in der k. k. Landwehr die Lage der jüdischen Offiziere ähnlich jener im k.u.k. Heer, so war die Zahl jüdischer Offiziere in der k.u.k. Honved erheblich grösser. Eine Untersuchung von 800 im Ersten Weltkrieg gefallenen Honved-Offizieren zeigt, dass davon in etwa ein Drittel jüdische Offiziere (Berufs- und Reserveoffizieren) waren; in einzelnen Regimentern wird das Verhältnis noch höher angegeben (bis zu 50 Prozent). Diese Angaben dürften wohl zu hoch gegriffen sein. Doch passen sie in das Bild der liberalen Einstellung eines Grossteils der gebildeten Ungarn, die von den Antisemiten abfällig behandelt wurden.3

Beweggründe für eine militärische Karriere

Es stellt sich die Frage: Was bewog einen jüdischen Bürger der Donaumonarchie, die Laufbahn eines Berufsoffiziers in der k.u.k. Armee zu ergreifen? Sicherlich stand der Reiz, zur gesellschaftlichen Elite zu zählen, an vorderster Stelle. Doch muss festgestellt werden, dass der Lebensstil im Offizierskorps (mehr oder weniger) konträr zu einem Leben gemäss der jüdischen Tradition verlief. Das heisst, dass die jüdischen Berufsoffiziere sich somit fast zwangsläufig von dem allgemein üblichen Leben der Juden in der Habsburgermonarchie unterschieden und für die Orthodoxen des mosaischen Glaubens vom traditionellen Leben der Juden verabschiedeten. Leutnant Moritz Frühling hält in seinem biographischen Handbuch über jüdische Berufsoffiziere fest, dass zwischen den Jahren 1848 und 1910  insgesamt 987 jüdische Berufsoffiziere im k.u.k. Heer aktiv waren. Davon dienten 372 bei Kampftruppen, 469 als Militärärzte, 61 als Truppenrechnungsführer im Offiziersrang, 55 als sonstige Militärbeamte, 30 bei der Marine. Der höchste jüdische Berufsoffizier bei den Kampftruppen war ein Feldmarschall-Leutnant (allerdings erst nach seiner Pensionierung dazu befördert). Der höchste Rang eines jüdischen Militärarztes war der eines Generaloberstabs-Arztes (im Rang eines Feldmarschall-Leutnants), bei den Militärbeamten war es ein General-Intendant, zugleich der höchstmögliche Rang in dieser Dienstklasse. Bei der Marine konnte es ein jüdischer Offizier bis zum Konteradmiral bringen, wenn auch seine Beförderung dazu erst nach der Pensionierung erfolgte. Folgt man Frühling, dann wurden 19 Juden vor 1911 in den Rang eines Generals erhoben. Davon dienten elf als Militärärzte und einer als Militärbeamter. Die übrigen sieben Generäle jüdischer Herkunft dienten in Kampftruppen (sechs in der Armee, einer als Marineoffizier). Nur zwei wurden während ihrer aktiven Laufbahn zu Generälen erhoben. Frühling sagt in seinem Buch fast nichts über die soziale Herkunft der jüdischen Berufsoffiziere aus, doch eines geht bei ihm deutlich hervor: Nur sehr wenige waren die Absolventen von Eliteschulen wie beispielsweise die Wiener Neustädte Militärakademie.4 Es hat den Anschein, dass jüdische Berufsoffiziere in der k.u.k. Armee (entgegen der propagierten Gleichbehandlung) über einen bestimmten militärischen Dienstgrad nur schwer hinausgekommen sind. Obwohl einige jüdische Offiziere auch die Kriegsschule in Wien besuchten, ist kein einziger Generalstabsoffizier jüdischer Religion zu finden. Allerdings gab es offiziell keine Regelung, die Juden vom Generalstabsdienst ausschloss. Hier liegt die Vermutung nahe, dass der Generalstab möglichen Spannungen infolge des stärker werdenden Antisemitismus ausweichen wollte. Dagegen dienten einige getaufte Offiziere jüdischer Herkunft im Generalstab, und dies durchaus erfolgreich.

Bei den höheren bis höchsten Dienstgraden zeigte sich, wie oben angedeutet,  ein ähnliches Problem. Nur einige wenige Ausnahmen aus den Reihen der jüdischen Offiziere wurden vor dem Ersten Weltkrieg in den Generalsrang erhoben. Erst im Verlauf des Krieges wurden (wenige) weitere jüdische Offiziere mit dem Generalsrang bedacht. 5 

Berühmte und hohe Offiziere jüdischer Herkunft

Die jüdischen Offiziere zeigten sich bemüht, sich an das Gros des Offizierskorps anzupassen. Von den 23 jüdischen Generälen und obersten bei den Kampftruppen in der Zeit vor 1911 wechselten 14 den Glauben zu unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrer Laufbahn, die Wenigsten erst zu Ende der Karriere. Dies, obwohl eine Konversion keine Voraussetzung für den Armeedienst bedeutete. Vom dem ranghöchsten jüdischen Offizier der k.u.k. Armee, Feldmarschallleutnant Eduard Ritter von Schweitzer, ist nicht bekannt, dass er jemals konvertiert hätte. 1844 in Ungarn geboren, kam er im Jahr 1865 als einfacher Soldat zur Armee, kämpfte im Krieg gegen Preussen und wurde 1870 Leutnant. Weiter nahm Schweitzer an der Okkupation von Bosnien-Herzegowina teil, wofür er mit dem Orden der Eisernen Krone dekoriert und zum „Ritter" erhoben wurde. Schweitzer absolvierte die Kriegsschule, wurde im Jahr 1904 Generalmajor und erhielt das Kommando über eine Infanteriebrigade. Ein Jahr später trat Schweitzer in den Ruhestand und erhielt nur wenig später den Titel Feldmarschallleutnant. Im Alter besuchte er regelmässig die Synagoge, hielt sich an eine koschere Diät, wobei er allerdings die Erlaubnis erhielt, ihm verbotene Speisen zu sich zu nehmen, wenn er mit dem Kaiser speiste.

Generalmajor Alexander Ritter von Eiss konvertiere gleichfalls nicht, sondern entwickelte sich vielmehr in späten Jahren zum Zionisten. Im Jahr 1832 in Mähren geboren, war Eiss 1848 Freiwilliger in einem Jägerbataillon und nahm am Ungarn-Feldzug teil. Im Jahr 1855 erfolgte seine Ernennung zum Leutnant. Eiss nahm an den Kämpfen bei Magenta und 1866 bei Custozza teil, wofür er bei letzterer für seine Tapferkeit den Orden der Eisernen Krone (3. Klasse) bekam und in den Ritterstand aufgenommen wurde. Im Jahr 1890 erfolgte seine Versetzung als Oberst und Regimentskommandant zur österreichischen Landwehr. Eiss trat 1890 in den Ruhestand und erhielt elf Jahre danach den Titel eines Generalmajors. Seine drei Söhne, gleichfalls Berufsoffiziere, nahmen am Ersten Weltkrieg teil: zwei fielen, der dritte erhielt die goldene Tapferkeitsmedaille für Offiziere. Der erfolgreichste Offizier jüdischer Herkunft diente allerdings in der ungarischen Landwehr. Die Landwehr war, wie erwähnt, den Juden besonders wohlgesonnen. Dafür sprachen wohl in erster Linie zwei Punkte: Es fehlte es der ungarischen Landwehr an geeigneten Offiziersanwärtern und die Ungarn wollten weiters so rasch wie möglich eine Assimilierung der Juden in die magyarische Nation erreichen. Viele Angehörige der ungarisch-jüdischen Elite waren begeisterte magyarische Patrioten. Einer von ihnen war Baron Samuel Hazai (ursprünglicher Name: Kohn). Als Sohn eines wohlhabenden Spirituosenherstellers in Ungarn geboren, traten er mit seinen beiden Brüdern als einfacher Soldat in die Honved-Armee ein. Im Jahr 1876 erfolgte seine Ernennung zum Leutnant, worauf er kurz darauf konvertiere. Hazai besuchte die Kriegsschule, dann unterrichte er an der ungarischen Militärakademie und wurde 1900 Oberst im Generalstab und weiter der Honved-Armee zugeteilt. Im Jahr 1910 erfolgte seine Ernennung zum General, von 1910 bis 1917 hatte Hazai das Amt eines ungarischen Verteidigungsministers inne. Im Jahr 1917 beförderte ihn Kaiser und König Karl zum Generaloberst und erhob ihn zugleich zum Chef des Ersatzwesens für die gesamten bewaffneten Streitkräfte.6      

Die jüdischen Frauen der Offiziere

Auch die gehobenen Jüdinnen spielten eine gewisse Rolle in der k.u.k. Armee. Eine grössere Zahl von Offizieren heirateten Frauen aus begüterten jüdischen Familien. An die Ehefrau eines Offiziers wurden in punkto Gesellschaftsfähigkeit dieselben Massstäbe angelegt wie an ihren Gatten. Die Eheschliessungen sprechen für das Fehlen rassistisch-antisemitischer Tendenzen im fast dem gesamten Offizierskorps der altösterreichischen Armee. Vielmehr zeigte sich quasi eine Art von Symbiose, für ein Zusammentreffen von Interessen zahlreicher Offiziere mit jenen des assimilierten und gesellschaftlich ambitionierten Judentums: War für die jüdischen Familien ein Offizier als Schwiegersohn wichtig für ihr Prestige, stellte für diesen in vielen Fällen die Hochzeit einen Ausweg aus seinen finanziellen Problemen dar.

Reserveoffiziere

Zu den grossen Reformen nach der Niederlage bei Königgrätz 1866 zählte die Reorganisation des Reserveoffizier-Systems. Die österreich-ungarische Armee führte im Jahre 1868 die Auswahl und Ausbildung von Reserveoffizieren ein. Männer, die im Zivilleben Führungspositionen einnahmen (Maturanten und Akademiker), sollten in der kommenden Wehrpflichtigen-Armee gleichfalls eine führende Position als Reserveoffiziere einnehmen. Ihnen wurde deshalb die Möglichkeit eröffnet, nur ein Jahr (statt deren drei) präsent zu sein und sich dabei einer besonderen Ausbildung zu unterziehen. Nach Ablegung bestimmter Prüfungen konnten die „Einjährig-Freiwilligen" zu Reserveoffizieren ernannt werden.7

Im Jahre 1897, als erstmals in den Militärstatistiken zwischen Berufs- und Reserveoffizieren unterschiedenen wurde, gab es 1.993 ausgebildete jüdische Reserveoffiziere. Ebenfalls im Jahre 1897 lag der Anteil jüdischer Reserve-Militärbeamter bei 680. Wobei der Anteil der jüdischen Reserveoffiziere und Reserve-Militärbeamten bei der ungarischen Landwehr noch höher lag.

Nun waren die Juden an den höheren Schulen und Universitäten deutlich stärker präsent, als dies ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprach. So kann die grosse Zahl jüdischer Reserveoffiziere bzw. Reserve-Militärbeamter relativ leicht erklärt werden: Es lag an der vorhandenen breiten jüdischen Bildungsschicht. Das Faktum aber, dass der Anteil jüdischer Reserveoffiziere sehr nahe jenem mit höherem Schulabschluss respektive akademischem Grad entsprach, lässt die Bereitschaft der Armee erkennen, sich für jüdisch Einjährigen zu öffnen und sie als (Reserve-)Offiziere aufzunehmen. Auch die Offiziersversammlungen der einzelnen Regimenter dürften formell keinen Einspruch gegen jüdische Offizierskameraden erhoben haben. Wobei die positive Haltung von Kaiser Franz Joseph den Juden in der Armee die Haltungen der Offiziersversammlungen wenigstens offiziell entscheidend beeinflusste. Doch auch im Bereich des Reserveoffizierskorps zeichnete sich in späteren Jahren ein gewisses Sinken ab. So gab es im Jahre 1911 nur mehr knapp 1.900 jüdische Reserveoffiziere. Freilich hatte auch dann das österreich-ungarische Heer wesentlich mehr jüdische Offiziere in den Reihen, als es bei anderen Streitkräften der Fall war.8

Jüdische Offiziere und das Duellwesen

Das Heer sah sich notfalls dazu imstande, eine Gleichbehandlung jüdischer Soldaten zu befehlen. So bei der Diskussion über die „Satisfaktionsfähigkeit" von Juden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde diese von antijüdischen Gruppierungen schlichtweg bestritten. Nicht so in der altösterreichischen Armee: Hier war es nämlich unmöglich, ein Duell mit dem Hinweis, der Gegner wäre ein „Jude", zu verweigern. Der Duellfrage kam deshalb eine grosse Bedeutung zu, da viele Studenten und Akademiker zugleich Reserveoffiziere waren und somit dem gleichen strengen Ehrenkodex wie die Berufsoffiziere unterlagen. Das Entscheidende für die Offiziere der altösterreichischen Armee für die Zuerkennung der „Satisfaktionsfähigkeit" lag aber ausschliesslich in der Zugehörigkeit zur „satisfaktionsfähigen" Schicht (was wiederum grossteils mit der Bildung des Betreffenden zusammenhing). Es kam vor, dass Duelle angeordnet wurden, wollten die Betroffenen nicht ihre Charge verlieren. Ein derartiger Fall trug sich zum Beispiel im Jahr 1890 beim Dragoner-Regiment Nr. 2 zu, wo ein Einjährig-Freiwilliger einen jüdischen Kameraden beleidigte und ihm Satisfaktion verweigerte. Schon am folgenden Tag hielt der Kommandant der Wiener Kavallerie-Division eine klare Ansprache: Jeder Einjährig-Freiwilliger trage den Rock des Kaisers und sei daher zu achten. Seine Religion spiele dabei keine Rolle. Dann befahl der General, dass binnen 24 Stunden das Duell stattzufinden habe. Der Abteilungskommandant meldete bald, dass beide Duellanten mit nicht unerheblichen Verletzungen ins Garnisonsspital eingeliefert worden waren.

Es ist den bürgerlichen Wertvorstellungen zuzuschreiben, dass auch für viele Juden die Uniform des Reserveoffiziers ein Symbol für die Aufnahme in die Gesellschaft bedeutete oder zu bedeuten schien.9 Denn an den Ressentiments bis Feindseligkeiten gegenüber Juden, auch wenn diese Offiziere (der Reserve) waren, änderte dies in breiten Gesellschaftskreisen wenig. Die jüdischen Offiziere beugten sich üblicherweise den  vorgegebenen Regeln, auch wenn sie das Offiziersethos selbst zu einem Grossteil innerlich ablehnten.

Sie folgten damit dem Beispiel bislang als zweitklassig abqualifizierter Schichten, durch die Bejahung des Duellwesens zugleich ihre Zugehörigkeit zur satisfaktionsfähigen Schicht durchzusetzen. Neben den Juden kämpften auch die Offiziere mit so genannter unterprivilegierter Herkunft (z. B. Ruthenen, Slowaken oder Rumänen) um ihre Gleichstellung mit den Deutschen, Magyaren oder Polen. Auch Offiziere, die aus bäuerlichem oder handwerklichem Milieu stammten, mühten sich darum, als so benannte Ehrenmänner auf dem Parkett der Gesellschaft zu glänzen. Doch die Juden waren vielleicht diejenigen, die daraus den grössten gesellschaftlichen Nutzen zogen. Der Wiener Schriftsteller und Redakteur Theodor Herzl, der Begründer der nationaljüdischen und zionistischen Bewegung,10 betrachtete das Duell als ein sehr gutes Instrument in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus.11 Freilich zeigten sich nicht alle gebildeten Juden vom Duell als Emanzipationsbeweis begeistert. Bezeichnend ist die Feststellung jüdischen Generals Alexander Eiss (+1921), allein 34 Duelle aus Gründen der Verteidigung seines Glaubens gegen antijüdische Angriffe ausgefochten zu haben.12

 

Das Ende einer Epoche

In der Zeitspanne 1914-1918 haben um die 25.000 jüdischen Offiziere in der k.u.k. Armee ihren Dienst versehen.13 In den ersten Kriegsmonaten fiel bereits eine sehr hohe Zahl an Berufsoffizieren der k.u.k. Armee dem „Heldentod" zum Opfer. Folglich gewannen die Reserveoffiziere enorm an Bedeutung. Fast ein Fünftel aller Reserveoffiziere bestand aus jüdischen Soldaten. Nimmt man Berufs- und Reserveoffiziere zusammen, dann dienten zwischen 1915 und 1918 fast 10 Prozent jüdische Offiziere tapfer in den k.u.k. Streitkräften. Insgesamt kann die Schätzung mit über 1.000 an der Front gefallenen Offizieren mosaischen Glaubens nicht falsch liegen. Von den neun Millionen Soldaten, die zwischen 1914-1918 von der Habsburgermonarchie aufgeboten wurden, waren rund 300.000 Soldaten jüdischen Glaubens. Viele von ihnen wurden mit dem Orden der Eisernen Krone (3. Klasse) oder einer höheren Auszeichnung dekoriert.14

1  Schmidl, Erwin A.: Juden in der k. (u.) k. Armee 1788-1918, Studia Judaica Austriaca XI, Eisenstadt: Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 1989, S. 62.

2   Deák, István: Der k. (u.) k. Offizier/1848-1918, Wien-Köln-Weimar: Böhlau Verlag, 19952, S. 210ff.

3   Schmidl, 1989, S. 72.

4   Deàk, 1995, S. 212f.

5   Schmidl, 1989, S. 63ff.

6   Deàk, 1995, S. 213ff.

7   Schmidl, 1989, S. 73f.

8   Deàk, 1995, S. 210f.

9   Schmidl, 1989, S. 75f.

10   Zöllner, Erich: Geschichte Österreichs/Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Wien: Verlag für Geschichte und Politik, 19663, S. 432.

11   Deák, 1995, S. 162.

12   Klieber, Rupert: Jüdische, christliche, muslimische Lebenswelten der Donaumonarchie 1848-1918, Wien-Köln-Weimar: Böhlau Verlag, 2010, S. 27.

13   Schmidl, 1989, S. 208f.

14   Schmidl, 1989, S. 84f.