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Ausgabe 102

Spiel als Teil des Lebens

Spielen und kindliche Entwicklung im Talmud

Efraim KNOEPFLER


Mein Rosch Jeschiva1 an der Belzer Jeschiva im Antwerpen der Jahre 1962 bis 1964, Rabbi Ascher Nussbaum s.A., erzählte uns immer wieder von Rabbi Zerachia Halevi2, dem Verfasser des Buches „Hamaor"3. Mit diesem Werk begann Rabbi Halevi im Alter von 19 Jahren, wie er selbst im Vorwort schreibt. Schon mit zehn oder elf Jahren hatte er vor Studenten Vorträge mit hohem Niveau gehalten, nach deren Ende er ein neuer Mensch war. Er lief zu seinen gleichaltrigen Freunden, rannte mit ihnen herum, spielte Verstecken oder mit dem Ball und vieles mehr. Wir können daraus lernen, dass es der Tora entspricht, dass Kinder ihrem Alter gemäss spielen und damit der Lehre der Tora folgen. Das Spielen der Kinder soll genauso ernsthaft studiert werden wie alle anderen Themen der Tora. Wie schon Rabbi Akiba von Rabbi Joschua, wie Ben Asai von Rabbi Akiba, wie Rav  Khahana von Raw (Abba Aricha) gelernt haben (s. Massechet Brachoth, Blatt 62)4, so sollten wir vom Verhalten des Rabbi Zerachia lernen.

Mein Lehrer Rabbi Ascher Nussbaum hat gesagt, dass jeder seinen speziellen Teil in der Tora habe, so wie es im Massechet Chulin (Blatt 7) stehe. Darum wende ich mich jener Stelle im Massechet Yoma (Blatt 78) zu, wo folgendes steht: „Am Yom Kippur ist es für Erwachsene verboten zu essen, zu trinken, sich zu baden oder einzusalben und Schuhe anzuziehen." Für die Kinder gelten die ersten vier Verbote nicht; nur das Anziehen von Schuhen ist ihnen nicht erlaubt. Im Talmud5 wird ausführlich überlegt, was der Grund für diesen Unterschied sein mag. Der Talmud kommt zu dem Schluss, dass die ersten vier Vorschriften Dinge verbieten würden, die für die Entwicklung des Kindes wichtig sind, der Verzicht auf Schuhe aber nicht. Als Stütze seines Arguments zitiert der Talmud die immer wieder geäusserte Ansicht der Ziehmutter des Abaye6: Sie sagte, es gehöre zur Entwicklung eines Kindes, dass es zuerst im warmen Wasser gewaschen und mit Olivenöl eingesalbt werde. Wenn es etwas grösser geworden sei, gebe man ihm Eier mit saurer Milch und Bröseln vermischt,  und wenn es noch älter geworden sei, dann gebe man ihm Geschirr zum Zerbrechen. Als Hinweis auf die Richtigkeit der Auffassung von Abayes Ziehmutter führt der Talmud an, dass Rabbah7 immer wieder billiges Geschirr mit Sprüngen kaufte und es die Kinder zerbrechen liess. Raschi8 interpretiert die Worte von Abayes Ziehmutter: „Eltern sollten Geschirr für das Kind loslassen, damit das Kind es zerbrechen und seine Begierde befriedigen kann."

Für einen Chassid unserer Generation ist „Begierde befriedigen" ein negativer Begriff. Es irritiert uns, wie Raschi das schreiben konnte, und es lohnt sich, diesen Text zu analysieren. Grundsätze der Erziehung sind darin verborgen. Die Ziehmutter des Abaye erkannte und anerkannte9 den Grundsatz, dass Spielen ein unverzichtbares Element in der seelischen sowie geistigen Entwicklung eines Kindes darstellt. Der Talmud webt diese Erkenntnis in seine Lehren ein: Dem Spielen des Kindes ist ein ganzer Tora-Lehrsatz gewidmet. Die Ziehmutter zählt auf, was zur Entwicklung des Kindes gehört: Spielen, ebenso wie die vom Fastenverbot des Yom Kippur ausgenommenen vier Tätigkeiten Essen, Trinken, Baden und Salben. Spielen ist genauso wichtig für das Wachstum und Gedeihen des Kindes, es ist Teil seines Lebens.

Die Ziehmutter hat auch das Wesen des Spielens erfasst:  Erstens durch Loslassen, zweitens individuell auf das jeweilige Kind bezogen, drittens das Zerbrechenlassen des Geschirrs und viertens seine Begierde befriedigen.

Ad 1. Die tiefste Erkenntnis, das Loslassen betreffend, die aus dieser Stelle im Talmud folgt, ist folgende: dass die geistigen und körperlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten sich nur entfalten können, wenn das Kind auf diese Art seine Freiheit erleben kann und seine eigenen Kräfte kennenlernt. Es wird verstehen, dass in der Welt ständig Ursachen sowie Wirkungen aufeinander einwirken und es wird erkennen, dass seine Taten Folgen haben.

Ad 2. Jedes Kind hat sein individuelles Wesen, und die Erziehung soll darauf abgestimmt sein. Das Loslassen des Geschirrs erfolgt für jedes Kind anders. Raschis Wort vom Loslassen richtet sich bei jedem einzelnen Kind individuell nach seinen Fähigkeiten, seiner Entwicklungsstufe und seinen Charaktereigenschaften.

Ad 3. Den Startschuss zu seiner plötzlichen Erkenntnis gab der Schock des Zerbrechens des Geschirrs. Die neue Erkenntnisstufe prägt sich seinem Wesen ein und wird es bis zum Erwachsenenalter nicht verlassen10.   Ähnliches sagt Elischa ben Avuya im Traktat Avoth11, wo er das Lehren eines Kindes mit dem Schreiben mit Tinte auf einem neuen, noch nicht beschriebenen Papyrus vergleicht.  Ebenfalls in diesem Sinn sagte Rabbi Chanina12, dass warmes Wasser und Olivenöl, mit dem seine Mutter ihn als Kind gepflegt habe, ihn bis ins hohe Alter begleitet hätten. Alle diese Zitate lehren uns, dass die Art und Weise wie das Kind behandelt wird, das ganze weitere Leben prägt und später nicht mehr nachgeholt werden kann.

Ad 4. Dieser Augenblick des Zerbrechens ist der Höhepunkt der Befriedigung, was sich auf die körperliche, seelische, aber auch auf die soziale Ebene beziehen kann.  Die Befriedigung der Begierde des Kindes besteht also in der Erkenntnis, dass seine Taten Wirkungen haben und dass es dafür verantwortlich ist. Damit erreicht das Kind eine höhere Stufe seines Bewusstseins, es gewinnt an Mut zum Widerstand und neue Energie, um sich höheren und komplizierteren Herausforderungen zu stellen, um weitere, neue Versuche zu wagen. Das Kind wird zum Entdecker und neue, ungeahnte Horizonte öffnen sich.  Darin besteht der eigentliche Sinn des „Lernens am Erfolg". Die Freude, die das Kind dabei erlebt, stärkt es in seiner Entwicklung.

Im Sommer 1984 war ich mit meiner Familie während unseres Urlaubs in Aix-le-bain (Frankreich) in einer Jeschiva. Dort habe ich dem Rosch Jeschiva Rabbi Chaim Chaikin von meiner Entdeckung im Talmud erzählt. Spontan drückte Rabbi Chaim seine Freude darüber aus und sagte, er habe von diesem Gedanken noch nie Kenntnis bekommen. Er bat mich, ihm die entsprechende Stelle im Talmud  zu zeigen, und er beschäftigte sein erhabenes Denken lange damit. Schliesslich sagte er, dass er den Satz des Raschi vom „Loslassen für das Kind" so verstehe, dass die Eltern aus diesem Loslassen gegenüber dem Kind keine grosse Sache machen, ihre Bemühungen sowie die Kosten nicht betonen und das Kind damit nicht belasten sollten. Das Kind solle im Zerbrechen des Geschirrs seine Begierden positiv ausleben können, und man brauche nicht zu fürchten, damit das Verbot „bal taschhith"13 zu übertreten. Denn durch das Zerbrechen des Geschirrs werde die Persönlichkeit des Kindes aufgebaut, wie teuer auch immer das Geschirr sein mag. Das habe die Ziehmutter des Abaye gemeint.

Diese Grundsätze gelten auch beim Studium der Tora. Die Worte des Raschi sind beim Unterrichten anzuwenden: Loslassen, zerbrechen lassen und seine Begierde darin befriedigen.

a. „Loslassen": Obwohl unsere Weisen14 sagten, man solle das Kind wie einen Ochsen mit Tora vollstopfen, bedeutet das in der Praxis, das Kind von sich aus die losgelassene Sache holen zu lassen.

b. Wie bereits erwähnt, hat jedes Kind sein individuelles Wesen und das Tora-Studium soll darauf abgestimmt sein. In den Mischli15 steht: „Erziehe den Knaben seinem Weg gemäss (...).". Dieser Vers lehrt uns die Quelle der individuellen Erziehung, abgestimmt auf die speziellen Eigenschaften, Fähigkeiten, Charaktereigenschaften und Neigungen des Kindes, wie Rabbiner Samson Raphael Hirsch16 in seinen Schriften ausführt. Im Sohar17 steht der Satz, der HKBH18 offenbare sich jedem Individuum seinen speziellen Möglichkeiten entsprechend.

c. „Zerbrechen lassen" meint wirklich zerbrechen lassen! Das Kind soll man Fehler machen und versagen lassen, denn alles führt schliesslich wieder zum Aufstieg, Erniedrigung zum Ziel der Erhöhung19.

d. Schon im Talmud steht, dass ein Kind nur dann lernt, wenn es den Gegenstand des Studiums mit dem Herzen begehrt20. So auch im Vorwort zum Buch „Eglei Tal" von „Sochitschower"21, wo es heisst, dass etwas Gelerntes nur dann tief erfasst und aufgenommen wird, wenn es mit Freude und Genuss verbunden ist. Damit wird der Lernende mit der Tora vereint, und sie wird Teil seines Lebens.  Wenn das Kind das „Zerbrechen des Geschirrs" so erleben kann, wird es sich zu einem grossen Baum entwickeln, der beizeiten seine reifen Früchte geben wird, dessen Blätter nicht verwelken (Tehillim 1.3)22. Alles, was es tut, wird von Erfolg gekrönt sein. Seine von der Tora geprägte Persönlichkeit wird der Allgemeinheit zugute kommen.

Zum Autor

Efraim Knoepfler wurde 1948 in Soltvadkert/Ungarn geboren und wurde  in seiner Kindheit zu Arbeiten wie Wasser tragen, Gänse stopfen und Ziegen melken herangezogen. 1958 übersiedelte die Familie nach Budapest. Ab 1960 studierte er an verschiedenen Jeschivot in Antwerpen, Jerusalem und Benei-Berak. 1971 heiratete er in Wien, wo er seither in der chassidischen Gemeinde lebt. Kontakt: knoepflerervin@gmail.com

1  Rosch Jeschiva bedeutet „Oberhaupt einer Jeschiva", d.h. einer Talmud-Akademie

2  Gerona, 1115 - Lunel, 1186, Talmud-Gelehrter, Astronom und Philosoph

3  Einwendungen gegen Rabbi Jizchak Al-Fasi (ca.1014-1103)

4  Massechet bedeutet ein Traktat im Talmud

5  Der Talmud ist die ursprünglich mündliche Interpretation der Tora, die im Laufe der ersten fünf Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung niedergeschrieben wurde.

6  Abaye (278-338) ist der vielleicht wichtigste Rabbiner des Babylonischen Talmuds. Er lebte in der Stadt Pumpeditha (Babylon), von ca. 325 bis 338 war er Rosh Jeschiva (s. Anm. 2). Abaye wurde von einer Ziehmutter grossgezogen. Sein Vater war vor der Geburt gestorben, seine Mutter bei der Geburt. Sein richtiger Name war Nachmani, Abaye ist sein rabbinischer Name.

7  Rabbah bar Nachmani (270-322), der Onkel Abayes, war Rosch Jeschiva in Pumpeditha, Babylon (ca. 300-322)

8  Raschi = Rabbi Schlomo ben Jizchak (geb. in Troyes/Frankreich, um 1040, gest. 1105), der wichtigste Kommentator der Tora und des Talmud

9  Siehe Kiduschin 74 und Jebamoth 47

10  Sprüche = Mischli 22,6  

11  Pirkei Avoth, Kapitel 4   

12  Traktat Chulin Blatt 24

13  Deuteronomium 20,19: „bal taschhith" heisst: das unnötige Zerstören von fruchttragenden Bäumen (und allem anderen) ist verboten.

14  Traktat Baba Bathra, Blatt 21

15  s. Anm. 10

16  Rabbi Samson Raphael Hirsch (1808-1888), führender orthodoxer Rabbiner in Frankfurt am Main, in Kommentare zur Genesis 25,27

17 Vajera 153. Der Sohar ist das Hauptwerk der Kabbala.

18 HKBH = Hakadosch Baruch Hu = Der Heilige, gelobt sei Er                                      

19  Makoth 7, Schabbath 119 und Chagiga 14

20  Massechet Avoda Sara, Blatt 19, (Fussnote 4), siehe dort Raschi

21  „Eglei Tal" = Buch über die 39 verbotenen Arbeiten am Schabbath von Rabbi Abraham Bornstein aus Sochotschow, 19./20. Jahrhundert

22  Psalmen 1,3