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Buchrezensionen:

Ausgabe 102

Habsucht und Gier im Mittelalter – wie unterhaltsam! Vom Untergang zweier jüdischer Gemeinden

Miriam Magall


Roman Rausch: Die letzte Jüdin von Würzburg.

Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch 2014.

512 Seiten, Euro 9,99 [D]

ISBN 978-3-499-26803-8

Jüdisches ist als Romanhintergrund immer wieder ein beliebter Topos, gegenwärtig vor allem bei jungen, nichtjüdischen Autoren. Das ist allerdings keine neue Erscheinung. Autoren wie Thomas Mann, Heinrich Böll, Günter Grass ebenso wie Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch mögen einem hierzu einfallen. Sie alle haben das Schicksal von Juden bzw. Jüdinnen zum Thema gemacht, mal offener, mal versteckter und vielfach nahe am Klischee. Fast immer gibt es eine schöne junge Jüdin - im Fall von Rauschs historischem Roman ist es Jaelle aus Strassburg. Sie hat einen alten weisen Vater, einen Rabbiner, der als „alter Itzhak" figuriert. Die alte hässliche Jüdin, die naturgemäss böse ist, wird diesmal ersetzt durch die bösartige Esther, die Angst hat, dass Jaelle ihr den zur Abwechslung einmal jungen und sogar attraktiven jungen Juden, den Arzt David, wegschnappt, und ihr deshalb auf Schritt und Tritt nachspioniert.

Und damit sind wir auch schon mitten im Geschehen. Jaelle wächst behütet auf. An ihrem siebzehnten Geburtstag kommt es zu dem schrecklichen Pogrom, das im Februar 1349 tatsächlich in Strassburg stattgefunden hat. In seinem Verlauf werden praktisch alle Strassburger Juden erschlagen, ertränkt oder auch lebendig verbrannt. Als wohl einer der wenigen gelingt es Jaelle, dem Gemetzel zu entkommen. Sie folgt der Empfehlung ihres Vaters, sich nach Würzburg durchzuschlagen, um dort ihren Onkel aufzusuchen. In Mainz begegnet sie Michael de Leone, der Protonotar ist und damit der zweite Mann im Bistum Würzburg und Stellvertreter des Bischofs. De Leone ist so entzückt von dem jungen schlanken Mann, der auf dem Marktplatz nach etwas sucht, dass er ihm seine Hilfe anbietet. Dazu sollte man wissen, dass Jaelle sich für die Reise nach Würzburg als junger Mann verkleidet hat und sich Johann nennt.

In Würzburg angekommen, bietet de Leone Jaelle/Johann spontan eine Stellung als Schreiber an, denn seine Schreiber sind entweder krank oder nicht besonders talentiert. Jaelle/Johann schlägt das Angebot zunächst aus. Als sie später jedoch glücklich das Haus des Würzburger Rabbiners gefunden hat, gastfreundlich aufgenommen wird und ihm vom Angebot de Leones berichtet hat, sieht der Rabbiner es als gute Gelegenheit an, jemanden an höchster Stelle zu haben, der ihm über die bischöflichen Absichten berichten kann. Als Jaelle/Johann zu de Leone zurückkehrt und nun doch sein Angebot annimmt, erkennt auch dieser die Chance, die sich ihm bietet, mithilfe von Johann die jüdische Gemeinde auszuspähen.

Fortan lebt Jaelle/Johann zwischen zwei Welten, kann die Würzburger Juden vor dem bevorstehenden Pogrom warnen, worauf jedoch niemand mit Flucht reagiert, und kommt ihrem mysteriösen Onkel immer näher. Das Pogrom findet statt, die Würzburger Juden werden, einmal mehr um diese Zeit im Deutschen Reich, beinahe mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Nur Jaelle, die sich am Ende als Frau zu erkennen gibt, wird gerettet - von ihrem Onkel, dessen wahre Identität hier nicht preisgegeben werden soll.

Ein fesselnder Text, der den Leser packt und ihn erst wieder loslässt, wenn er die letzte Zeile gelesen hat. Ein gelungener Unterhaltungsroman, der mit einem für Juden tragischen Thema, ihrer Verfolgung und Ermordung, spielt, hier, in einen historischen Roman gegossen. Es ist anzunehmen, dass auch dieser Roman wie „28 Tage" von David Safrier, der im Warschauer Ghetto spielt, auf der SPIEGEL-Bestseller-Liste landet. Denn Jüdisches, von Nichtjuden erzählt, hört sich angenehmer an, als wenn Juden es selbst erzählen würden.

Von Nichtjuden erzählt, von Nichtjuden gelesen. Da fällt es nicht weiter auf, dass dem Autor einige recht gravierende Fehler im Jüdischen unterlaufen sind, obwohl er sich, wie er dankend erwähnt, u.a. bei talmud.de Hilfe geholt hat. Vermutlich hat er nicht alle Fragen gestellt, die er hätte stellen sollen. Sonst wüsste er beispielsweise, dass der Schabbath sofort mit Sonnenuntergang am Freitagabend beginnt und nicht erst, wenn drei Sterne am Himmel stehen - da geht er nämlich am Samstagabend zu Ende. Dass Jaelle nach der Hawdala vom Kiddusch-Wein getrunken haben soll, wirkt unplausibel, denn Frauen trinken bei dieser Zeremonie keinen Schluck Wein. Diese Beispiele sind nur zwei von mehreren; selbst die jüdischen Namen lösen beim jüdischen Leser Befremden aus, denn Batya, Nurit und Thikva dürften im 14. Jahrhundert unter Juden im Deutschen Reich nicht gerade geläufig gewesen sein, wie es Daniel und Jakob oder auch Eleasar waren. Und auch die Schreibung der Namen ist recht willkürlich: Batya, Miriam und Itzhak weisen alle denselben hebräischen Buchstaben Jod auf - warum er im Roman so unterschiedlich transkribiert wird, kann wohl nur der Autor erklären. Bei „Medele" muss, wer Jüdisches gewohnt ist, ein zweites Mal hinschauen, um zu begreifen, dass damit das wohlbekannte jiddische „Mädele" gemeint ist. Aber, wie schon gesagt, auf den nichtjüdischen Leser dürften diese Feinheiten nicht störend wirken. Sie schmälern ja auch nicht die Spannung dieses Unterhaltungsromans über die Verfolgung und Ermordung von Juden im Mittelalter.