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Ausgabe 102

Zions Tor: Triest

Charles Joseph STEINER


Das jüdische Leben in Triest reicht zumindest bis ins 13. Jahrhundert zurück - davon zeugen Grabsteine am jüdischen Friedhof. Die Triestiner Juden waren dank der offenen Einwanderungspolitik der Habsburgermonarchie seit Jahrhunderten in die städtische Gesellschaft der Hafenstadt integriert, was die Gemeinde erblühen liess. Aber nicht nur das: Durch die Lage am Meer wurde Triest bald als das Tor nach Israel bekannt.

Besonders im 18. und 19. Jahrhundert strömten viele Juden nach Triest, um Pogromen, wie sie damals vor allem in Osteuropa stattfanden, zu entfliehen. Tor zu Israel oder Zions Tor deshalb, weil Triest für viele osteuropäische Juden der Ausgangspunkt für die Reise nach Israel war. Unter den Emigranten waren auch sehr viele zionistische Pioniere, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach Palästina übersetzten. Und auch, bevor die Nationalsozialisten der Stadt habhaft wurden, flohen viele Juden über Triest ins Gelobte Land, da die Stadt der nördlichste Punkt mit Meeresanbindung im Süden Europas war. Die Bevölkerungsbewegungen haben allerdings auch die Triestiner Gemeinde belebt. Denn viele sind, wohl ob des Charmes der Hafenstadt, in Triest geblieben. Dies lässt sich auch aus den Bevölkerungszahlen ganz gut ablesen. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten 6.000 Juden in Triest. Für eine Stadt, die noch 1931 über 250.000 Einwohner hatte, war das eine stattliche Zahl.

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Historische Aufnahme der Synagoge von Triest. Mit freundlicher Genehmigung C. Steiner.

Die Schrecken des Faschismus

War die Synagoge vor dem Ersten Weltkrieg das Zentrum des jüdischen Lebens in Friaul, nahmen in den 1930er Jahren die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung immer mehr zu. Den Höhepunkt erreichte die Verfolgung der Juden, als der faschistische Diktator Benito Mussolini sich mit Hitler-Deutschland verbündete. So wurde Triest für jene, die rechtzeitig die Zeiten der Zeit erkannten, wiederum das Tor Zions. Jenes Tor, das ihnen die Flucht nach Israel erlaubte, ehe Faschismus und Nationalsozialismus die Hafenstadt in ihren Würgegriff nahmen. 1942 - nur 30 Jahren nach der Eröffnung - wurde die Synagoge von einem Tag auf den anderen geschlossen, das Mosaik auf dem Boden wurde zerstört. Zudem wurde das Gtteshaus Opfer eines Brandanschlags - nur dank des beherzten Eingreifens der Triestiner Feuerwehr konnte sie vor grösserem Schaden bewahrt werden. Dennoch: Wertvolles Inventar ging beim Brand unwiederbringlich verloren. Mit dem Einmarsch der Nazis war dem blühenden jüdischen Leben ein dramatisches Ende gesetzt. Ein Jahr nach der Schliessung verliessen die ersten Deportationszüge die Hafenstadt in Richtung Bergen-Belsen, Ravensbrück oder ins Vernichtungslager Auschwitz - ausgehend von der ehemaligen Reismühle Risiera di San Sabba in einem Vorort von Triest, die zu einem Konzentrationslager umfunktioniert wurde. Ein besonders tragisches Kapitel: Die ersten Gräueltaten, die in den späteren grossen Vernichtungslagern angewandt wurden, wurden in Risiera di San Sabba getestet. Die tödliche Logistik hatte der Kärntner Odilo Globocnik als höherer SS- und Polizeikommandant in der „Operationszone des adriatischen Küstenlands" inne. Vier Monate später erklärte Globocnik Triest für „judenfrei". Und das mit einem sehr hohen Blutzoll. Mehr als 1.200 Triestiner Juden mussten in den Vernichtungslagern ihr Leben lassen. Für die leerstehende Synagoge hatten die Nationalsozialisten eine fast schon pervers anmutende Verwendung. Enteignete Kunst- und Wertgegenstände sowie zahlreiche Bücher wurden im Bethaus gelagert. Dass die Okkupanten des rituellen Silbers in der Synagoge nicht habhaft werden konnten, verdankt sich dem Umstand, dass die rituellen Gegenstände gut versteckt waren. Und dennoch: Der kulturelle Verlust durch den Faschismus und in der Folge der Nazi-Herrschaft ist immens. Wirklich erholt hat sich die Gemeinde zahlenmässig nie mehr. Aber im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Städten ist wieder ein Aufschwung des jüdischen Lebens bemerkbar.

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Blick über den Innenraum in Richtung Thoraschrein. Foto: Mauro Moshe Tabor, mit freundlicher Genehmigung.

Nach 1945

Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs machten sich jene Juden, die die Stadt nicht verlassen und die überlebt hatten, sofort daran, die Synagoge wieder zu eröffnen und die Schäden, die während der Terrorherrschaft entstanden waren, zu reparieren. Als neuseeländische Soldaten der Achten britischen Armee Triest befreiten, waren in der Stadt nur mehr zwischen 400 und 500 Juden übriggeblieben. Am 7. Mai 1945 wurden die Tore des Bethauses gemeinsam mit dem Rabbiner der Jüdischen Brigade wieder geöffnet. Der grosse Tempel sowie die Büros in den oberen Etagen hatten den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet überstanden. Und obwohl die Anzahl der Triestiner Juden nie mehr auf die Zahl vor dem Zweiten Weltkrieg anstieg, gibt es doch ein reges kulturelles Leben. Derzeit leben 600 Juden in Triest - und gelten damit als Gruppe mittlerer Grösse im italienischen Staatsgebiet. Das Gemeindeleben ist reichhaltig. So gibt es einen jüdischen Kindergarten, eine jüdische Grundschule (Isacco Sansone Morpurgo). Einfach ist es nicht, die Gemeinde zusammenzuhalten, wie der Kulturattaché und Vizepräsident der jüdischen Gemeinde, Mauro Moshe Tabor, in einem Video der Jewish Week sagt: „Manche sind orthodox, manche nicht. Man muss eine Balance finden zwischen diesen beiden Blöcken - und das machen wir mit so vielen kulturellen Veranstaltungen wie möglich." Nicht zuletzt ist das der Grund, warum das jüdische Leben in Triest wieder mehr als deutlich bemerkbar ist und die blühenden Zeiten von damals erahnen lässt. Denn nicht viele Städte könnten von sich behaupten, dermassen von dieser Kultur profitiert zu haben. Das Tor Zions ist über die Jahrhunderte so auch ein Tor nach Europa geworden.

Kontakt und Informationen: Jüdische Gemeinde Triest, www.triestebraica.it

 

Quellen:

Lois C. Dubin: The Port Jews of Habsburg Trieste: Absolutist Politics and Enlightenment Culture, Stanford, 1999 

Michele Sarfatti: The Jews in Mussolinis Italy: From Equality to Persecution, University of Wisconsin, 2006

Jan Morris: Trieste, London 2010

http://jn1.tv/video/jewish-week?media_id=167658