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Ausgabe 102

Carlo Michelstaedter, der tragische Poet und Philosoph aus Görz

Bernhard BRUDERMANN


„Als sie sich in der Schule kennenlernten, war Carlo in den Registern noch als Karl Michelstaedter vermerkt, und er war sofort der Freund, der mir den ganzen Raum ausfüllen und mir die Welt sein musste, das, wonach ich suchte..."1

 

Der Dichter und Philosoph Carlo Michelstaedter, ein begabter Intellektueller, schied jung aus dem Leben. Seine Biographie, sowie die Geschichte seiner Familie, sind durch fast unerträglich tragische Umstände gezeichnet: Carlo Michelstaedter stirbt am Vorabend des Ersten Weltkrieges durch Suizid - wie ein Jahr zuvor bereits sein älterer Bruder. Mutter und Schwester werden in den Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkrieges ermordet. Ihrem Gedenken ist dieser Text gewidmet. Auch das in den Geisteswissenschaften noch zu wenig beachtete Kulturleben der ehemaligen multikulturellen (und multikonfessionellen) k.u.k. Stadt Görz, einer Stadt, die eine interessante Literaturszene zur Zeit des Fin de Siecle hervorbrachte, soll ins Gedächtnis gerufen werden.

Das alte Görz/Gorizia

„...Mitten auf diesem Wege zwischen Sonnenauf- und Niedergang, zwischen Paradiso und Inferno, zwischen Mythe und Idyll, liegt Görz, eine Polis, eine Stadt, Staat im Sinne des Alten, nach Landschaftsbild und Menschenart Auszug, Summe und Kern seiner natürlichen und geschichtlichen Umwelt..."2

Das altösterreichische Görz3, das in den letzten Jahren der k. u. k. Monarchie wegen seines milden und angenehmen Klimas den Ruf hatte, eine Art „Nizza in Friaul" zu sein, galt als Ort der Sommerfrische für erholungsbedürftige Wiener. Gleichzeitig war es auch Schnittstelle verschiedener Kulturen: der altösterreichischen, der italienischen, der slowenischen, der friulanischen und der jüdischen. Heute stellt der Fluss Soca (ital. Isonzo) die Grenze zwischen Italien und Slowenien dar, der alte Teil der Stadt (Gorizia) befindet sich in Italien, der neue Teil (Nova Goriza) auf slowenischem Staatsgebiet. Die Stadt ist umgeben von Weinbergen und hohem Gebirge im Hintergrund, nicht weit entfernt vom am Meer gelegenen Triest. Wie Triest hat auch Görz eine kulturhistorisch interessante und authentische Entwicklung zu bieten. Im Gegensatz zur Triestiner Kultur- und Literaturszene, die durch eine Reihe bemühter und beharrlicher Literaturwissenschaftler und Historiker, allen voran der Germanist, Literat und Universitätsprofessor Claudio Magris, bestens aufgearbeitet und in zahlreichen Publikationen gut dargestellt wurde, ist der Literatur- und Kulturgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts von Görz bisher nur durch einzelne Idealisten, wie etwa den Germanisten Hans Kitzmüller von der Universität Udine, Beachtung geschenkt worden - aber sonst ist dieses regionalhistorische Kapitel fast in Vergessenheit geraten. Durch Claudio Magris wurde die jüdische Literaturszene von Triest gründlich behandelt und gewürdigt - als Beispiele seien dabei die brillanten Autoren Italo Svevo (1861 bis 1928) oder Umberto Saba (1883 bis 1957) hervorzuheben. Eine seiner kurzweiligen und spannenden Arbeiten befasst sich auch mit dem früh und tragisch verstorbenen Intellektuellen Carlo Michelstaedter, der neben dem Linguisten Graziado Isaia Ascoli (1829 bis 1907) zu den berühmtesten jüdischen Intellektuellen, die aus Görz stammten, zählt. Claudio Magris hat in seinem Werk „Ein anderes Meer" die Person Carlo Michelstaedter, seinen engeren Freundes- und Familienkreis sowie sein Umfeld näher beleuchtet und bearbeitet. Auch Hans Kitzmüller erwähnt Carlo Michelstaedter in seinen diversen kulturhistorischen Arbeiten über die Literaturszene von Görz (und Friaul) und hat an Projekten, die Michelstaedters Werk und Leben in den Mittelpunkt stellten, gearbeitet.4

 

Carlo Michelstaedters tragisches Leben  und das Schicksal seiner Familie

„Carlo ist das empfindsame Bewusstsein des Jahrhunderts, und der Tod hat keine Macht über die Konjugation des Seins, nur über das Haben...in seinem Hauptwerk La Persuasione e la Rettorica , sagt Carlo, dass ein Gewicht immer nur herabsinken und fallen kann..."5

Geboren wurde Carlo Michelstaedter am 3. Juni 1887 in Görz als Sohn von Alberto und Emma Michelstaedter, geborene Luzzatto Coen  - hier gibt es familiäre Verbindungen zum Triestiner Literaten Umberto Saba sowie zu weiteren jüdischen Gelehrten Oberitaliens.

Seine Schulzeit verbrachte Michelstaedter in Görz, am Gymnasium traf er seine geistigen Weggefährten und wurde vor allem  durch seinen Philosophieprofessor Richard von Schuberth- Soldern (1852 bis 1924) nachhaltig geprägt. Nachdem Michelstaedter vorerst in Wien mit einem Studium der Mathematik begann, wechselte er bald nach Florenz, wo er sich sukzessive zu einem begeisterten Philosophiestudenten entwickelte.

Carlo Michelstaedter setzte einen Tag nach Beendigung seiner Dissertation, am Geburtstag seiner Mutter am 17. Oktober 1910, im Alter von nur 23 Jahren seinem Leben mit einem Revolver ein Ende. Über den ausschlaggebenden Grund für diese tragische Selbsttötung wurde viel spekuliert. Es wurde überliefert, dass einerseits ein heftiger Vorwurf der Mutter, die ihrem Sohn ein Versäumnis -  er war bei ihrer Geburtstagsfeier zu spät erschienen -  nachtrug, der mögliche Auslöser war. Viel wahrscheinlicher jedoch mutet die These an, dass der junge Mann aufgrund einer anhaltenden Erschöpfung bedingt durch die monatelange intensive und kräfteraubende Arbeit an seiner philosophischen Dissertation mit dem Titel „Rhetorik und Überzeugung"  („La Persuasione e la Rettorica") - ein bis heute viel beachtetes Werk, den Lebensmut verlor. Makabres Detail am Rande: der Sohn liess die Mutter deshalb warten, weil er noch ein Bild, das er für sie zum Geburtstag malte, fertigstellen wollte.

Carlo Michelstaedter war bedauerlicherweise einer von vielen jungen Literaten und Intellektuellen, die knapp vor Beginn des Ersten Weltkrieges freiwillig aus dem Leben schieden.6 In Wien erschoss sich nur wenige Jahre vor Michelstaedters Selbstmord unter ähnlichen Umständen Otto Weininger (1880 bis 1903) in der Wiener Schwarzspanierstrasse - auch dieser junge Mann beging die Tat knapp nach Beendigung seiner Dissertation und seines sehr umstrittenen Werkes „Geschlecht und Charakter". Auch er wurde nur 23 Jahre alt. In Graz sprang der 25-jährige talentierte Dichter Ernst Goll (1887 bis 1912), knapp vor seiner Abschlussprüfung  - zwei Jahre nach Michelstaedters Suizid - in den Tod. Das makabre tragische Element lag in Golls Fall ausserdem darin, dass  der Ort der Selbsttötung die Karl Franzens-Universität war. Carlo Michelstaedters älterer Bruder erschoss sich ebenfalls. Ein Jahr vor seinem jüngeren Bruder. Diese sensiblen Poeten, Denker und Zweifler müssen wohl schon eine Vorahnung des nahenden Unheils, das der Erste Weltkrieg in sich barg, gespürt haben bzw. mit der eigenen Situation, etwa dem problematischen Umgang mit Fragen der Religion - viele dieser jungen Kulturschaffenden stammten aus bereits assimilierten jüdischen Familien - oder dem aufkeimenden Antisemitismus gehadert haben. Carlo Michelstaedter erschoss sich mit dem Revolver seines Freundes Enrico Mreule, der ein Jahr zuvor nach Argentinien ausgewandert war und einen Aufbewahrungsort für seine Waffe suchte, da er diese auf die Schiffsreise nicht mitnehmen durfte.

Mreule war einer der engsten Kommilitonen und Freunde Michelstaedters bzw. Teil eines kleinen Kreises von Görzer Gymnasiasten, die in den Dachkämmerchen ihrer Häuser Diskurse zur Philosophie und Literatur führten. Eine enge Freundschaft pflog Enrico Mreule auch nach Michelstaedters Selbstmord mit der Mutter Emma Michelstaedter und der Schwester Marina - beide wurden während des Zweiten Weltkrieges aus Görz verschleppt und in den Konzentrationslagern ermordet - die Mutter im Alter von 88 Jahren.7

Carlo Michelstaedters Leben sowie sein kleiner Kreis philosophischer Mitbrüder wurden im Roman „Der Mensch kann nicht fliegen", des Klagenfurter Schriftstellers Egyd Gstättner ausführlich beschrieben. Die deutsche Literaturwissenschaftlerin Sabine Mainberger hat Michelstaedters Dissertation, die als eine der eigenwilligsten wissenschaftlichen Arbeiten überhaupt bezeichnet wurde, in den 1990er Jahren in deutscher Sprache herausgebracht. Michelstaedter verfasste auch noch eine Reihe von Gedichten. Die Beschäftigung mit der „vergessenen" altösterreichischen Kulturszene von Görz am Vorabend des Ersten Weltkrieges und das Hervorheben einzelner Persönlichkeiten, wie eben Carlo Michelstaedter, lohnen sich jedenfalls und regen vielleicht sogar zu einer Reise ins heutige Gorizia an, etwa zu dem verwunschenen jüdischen Friedhof, auf dem Michelstaedter begraben liegt.

Quellen:

Ara, Angelo; Magris, Claudio: Triest - eine literarische Hauptstadt in Mitteleuropa, Paul Zsolnay Verlag, Wien 1999

Gstättner, Egyd: Der Mensch kann nicht fliegen, Picus Verlag, Wien 2008

Kitzmüller, Hans; Wieser, Lojze (Hrsg.): Europa Erlesen - Collio/Goriška Brda, Wieser Verlag, Klagenfurt 2007

Magris, Claudio: Ein anderes Meer, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, Wien 1992

Magris, Claudio: Utopie und Entzauberung - Geschichten, Hoffnungen und Illusionen der Moderne, Carl Hanser Verlag, München, Wien 2002

Michelstaedter, Carlo: Überzeugung und Rhetorik, Verlag Neue Kritik, Frankfurt 1999

Robert Musil-Institut der Universität Klagenfurt / Kärntner Literaturarchiv (RMI/KLA), Verlagsarchiv Edizioni Braitan

Yad Vashem - Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer (http://db.yadvashem.org/names )

1  Enrico Mreule über seinen Schulfreund Carlo Michelstaedter, in: Magris, Claudio: Ein anderes Meer, München,  Wien 1992, Seite 10

2  Franz Xaver Zimmermann „Zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang", in: Kitzmüller, Hans; Wieser, Lojze (Hrsg.): Europa Erlesen - Collio/Goriška Brda, Klagenfurt 2007, Seite 224

3  Heute geteilt in Gorizia, Italien sowie Nova Gorica, Slowenien; die Staatsgrenze zwischen Italien und Slowenien verläuft mitten durch das Stadtgebiet.

4  Robert Musil-Institut der Universität Klagenfurt / Kärntner Literaturarchiv (RMI/KLA), Verlagsarchiv Edizioni Braitan, Sig21/B34 und Sig21/B35

5  Magris, Claudio: Ein anderes Meer, München, Wien 1992, Seite 46

6  Die biographischen Informationen wurden aus dem Nachwort von Sabine Mainberger entnommen aus: Michelstaedter, Carlo: Überzeugung und Rhetorik, Frankfurt am Main 1999, Seite 155 ff.

http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=903600&language=de, zuletzt aufgerufen am 28. 06. 2014