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Ausgabe 102

Seine Stimme hat ihn überlebt

Vor 110 Jahren wurde der Snger Joseph Schmidt geboren

Claus STEPHANI


Die Nationalsozialisten haben Joseph Schmidt in ihrem Machtbereich den Weg zu weiterem Ruhm und Gesang versperrt, danach musste er diese Welt für immer verlassen. Seine Stimme konnten sie jedoch nicht verbieten, und auch nicht auslöschen. So hat sie ihn überlebt und klingt heute weiter in seinen Liedern, wenn diese manchmal wieder wie einst „um die Welt" gehen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Dawideny am Kleinen Sereth (heute Davidivka, Ukraine) noch ein multi-ethnisches Dorf im österreichischen Kronland Bukowina, nahe der Kleinstadt Storo¿ynetz, am östlichen Rande des grossen Habsburger Kaiserreichs. In der örtlichen Volkserzählung heisst es, dass der erste Siedler und somit der Gründer von Dawideny (rum. Davideni) ein jüdischer Bauer namens David oder Dowed gewesen sei. Tatsache ist, dass vor dem Ersten Weltkrieg hier im Ort Juden, Rumänen, Ruthenen, einige Deutsche, Polen und Armenier friedlich beisammen lebten. Auch die nahe gelegene Kleinstadt Storo¿ynetz (später rum. Storojineþ, heute ukr. Storoschinez) war multiethnisch geprägt, wobei deutschsprachige Juden und Deutsche, neben Rumänen und Ukrainern, die Hälfte der Einwohnerzahl ausmachten. In Storo¿ynetz wurde übrigens Alfred Margul-Sperber (1898-1967), einer der bekanntesten deutschjüdischen Dichter Rumäniens geboren. Man war damals „zeitgemäss kaisertreu und blickte oft nach Wien", wie Alfred Margul-Sperber Jahrzehnte später am 24. April 1964 mir in einem Gespräch sagte, „und man orientierte sich an der deutschen Kultur und pflegte die Sprache von Heine und Goethe, die zu jener Zeit noch nicht vom Nationalsozialismus verseucht" war. „Deutschsprachig war in Storo¿ynetz auch die Familie des rumänischen Komponisten und Dirigenten Theodor Ritter von Flondor sowie die geistig elitäre jüdische, rumänische und polnische Bourgeoisie."

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Joseph Schmidt. Abbildung 1-3: J. Schmidt-Archiv, Dürnten, mit freundlicher Genehmigung A. Fassbind.

Auch in der strenggläubig orthodoxen Familie Schmidt, die seit Generationen in Dawideny lebte, sprach man untereinander das klangvolle bukowinische Hochdeutsch. In dem bis dahin unbekannten Ort mit seinen damals knapp 3.800 Einwohnern wurde am 4. März 1904 ein Sänger geboren, ein anderer Vertreter deutsch-österreichischer Kultur, der später aus der Bukowina fortzog und bald weltbekannt wurde: Joseph Schmidt. Als er in jungen Jahren in die Hauptstadt Czernowitz (heute Tscherniwzi, Westukraine) kam, war Joseph Schmidt zuerst als Schammes (Synagogendiener) des Czernowitzer Israelitischen Tempels beschäftigt, wie man die grosse, 1873-1878 von Julian Zachariewicz erbaute Synagoge nannte. Doch er sang auch schon im Synagogalchor und wurde später sogar Chasan (Kantor). Die prachtvolle Synagoge im neumaurischen Stil, deren Bau 1857 vom damaligen Landespräsidenten Baron von Schmuck angeregt worden war, liess die sowjetische Verwaltung 1940 nach der Annexion durch den Hitler-Stalin-Pakt schliessen. Doch als dann am 4. Juli 1941 deutsche und rumänische Truppen die Stadt Czernowitz (rum. Cernãuþi) wieder eroberten, trat das berüchtigte Einsatzkommando 10b unter SS-Obersturmbannführer Alois Persterer in Aktion: die Synagoge - bis dahin, unter den Sowjets, noch unversehrt - wurde niedergebrannt mit allem, was sich darin befand, von der Bima bis zum Thoraschrein. Übrig blieben nur die Aussenmauern, wobei zeitgleich bis zu 3.000 jüdische Einwohner ermordet und die übrigen nach Transnistrien deportiert wurden. Damit war die Ära einer friedvollen deutsch-jüdischen Symbiose für immer vernichtet und verschwunden, in einer Stadt, wo 1919 noch 43.701 Juden gelebt hatten, damals 41,7 Prozent der Einwohner. In der Ruine der einstigen Synagoge baute man elf Jahre nach Kriegsende, 1956, das heutige Tschernivzy-Kino.

Im gleichen Jahr, als die Synagoge abbrannte, konnte Joseph Schmidt - seit Dezember 1933 oft unterwegs und auf der Flucht vor den Nazis, drei Monate später am 6./7. Oktober aus der Zwangsinternierung durch das Vichy-Regime im französischen La Bourboule in die Schweiz entkommen. Es waren seine letzten Schritte auf einem langen, zuletzt oft schmerzlichen Weg.

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Wiener Konzertplakat.

Joseph Schmidt hatte ab 1925 an der Königlichen Musikschule Berlin bei Prof. Hermann Weissenborn Gesang studiert und war als lyrischer Tenor weltweit erfolgreich. Nach seinem Debüt als Tenor am 7. März 1937 in der New Yorker Carnegie Hall hatten ihn ab 1939 Tourneen nach Brüssel, Lüttich, Gent, Antwerpen, Brügge, Kortrijk, Ostende, Verviers, Helsinki, London, Avignon und sogar bis nach Palästina geführt. In Deutschland hatte Joseph Schmidt zahlreiche Schallplatten aufgenommen und in Berlin, zwischen 1929-1933, in 38 Rundfunkopern gesungen, zum letzten Mal dann am 20. Feb-ruar 1933 in Peter Cornelius Oper Der Barbier von Bagdad, worauf ihm von den Nazis eine Woche später der Zugang zum Berliner Funkhaus verwehrt wurde. Nach der Premiere des Films Ein Lied geht um die Welt am 9. Mai 1933 war ihm „sein Lied", mit vielen anderen Liedern, vorausgeeilt - über Grenzen hinweg, 1936 folgte das Lied im gleichnamigen Film Heut ist der schönste Tag in meinem Leben.

Nur er selbst, der kleine Mann mit der wunderbaren grossen Stimme - Joseph Schmidt mass nur 1,54 m- konnte schliesslich den grenzenlosen Wegen seiner Lieder nicht folgen. Er endete hilflos und vergessen in einem Schweizer Internierungslager - im Jahr 1942  war er als „illegaler Flüchtling" aus Bourboule in das Internierungslager Girenbad geraten, ein ehemaliges Fabriksgebäude bei Hinwil im Kanton Zürich, wo auch der Schriftsteller Manés Sperber und andere Persönlichkeiten zeitweilig auf Asyl warteten. Denn „laut einem Gesetz von 1942 galten geflohene Juden in der Schweiz nicht als politische Flüchtlinge". Seinen Antrag auf eine „Arbeitserlaubnis" hatte man zunächst abgelehnt.  Nachdem Joseph Schmidt an einer Halsentzündung erkrankt war und zeitweilig im Kantonsspital Zürich behandelt wurde, wobei die Ärzte seine Hinweise auf „Schmerzen in der Herzgegend" nicht beachteten, musste er am 14. November 1942 wieder ins Lager Girenbad zurückkehren. Zwei Tage später, am 16. November, starb er in der Gaststätte Waldegg an Herzversagen. Einen Tag nach seinem plötzlichen Tod traf dann die „Arbeitserlaubnis" der Schweizer Behörden ein. Nun hätte Joseph Schmidt als Kammersänger wieder auftreten können und singen dürfen, und er wäre so auch wieder ein freier Mann gewesen. Doch seine Stimme war bereits für immer verstummt.  Er wurde auf dem jüdischen Friedhof Unterer Friesenberg in Zürich-Wiedikon beerdigt. Das Grab seiner Mutter, die ihn, einsam und vergessen, in der rumänischen Südbukowina um acht Jahre überlebte, befindet sich auf einem jüdischen Friedhof am Weg zwischen dem Kloster Moldowitza (Moldoviþa) und Gurahumora  (Gura Humorului), einer einst kulturell deutsch-jüdisch geprägten Stadt.

„Joseph Schmidt besass eine der schönsten lyrischen Tenorstimmen seiner Epoche. An sich war diese Stimme nur klein, doch ihre enorme Tonhöhe und ihr nuancenreicher, ausdrucksschöner Vortrag verdienen noch auf seinen zahlreichen Schallplatten höchste Bewunderung."1

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Joseph Schmidt in Venedig.

Im Jahr 1992, zum 70. Todestag von Joseph Schmidt, erschien eine umfassende Biografie über den Sänger, die sein Nachlassverwalter, der bekannte Schweizer Tenor Alfred Fassbind unter dem Titel „Spuren einer Legende - Ein Lied geht um die Welt" herausbrachte.2 Fassbind hat auch in verdienstvoller Weise das Joseph Schmidt-Archiv, das die Sammlungen von  Gertrud Ney-Nowotny (1921-1965) und Berty Rossetti (1916-1985) vereint, übernommen, weitergeführt und in Dürnten (Schweiz) zu einer künstlerisch-wissenschaftlichen Dokumentationsstelle ausgebaut, von wo aus Vorträge, Filmabende, Ausstellungen und Konzerte initiiert und veranstaltet werden.

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Grabstein von Sara Schmidt. Foto: Günther Philippi, mit freundlicher Genehmigung C. Stephani.

Literatur: Alfred A. Fassbind, Joseph Schmidt. Sein Lied ging um die Welt. Zürich: Römerhof Verlag 2012.

1 Kleines Sängerlexikon der Unvergänglichen Stimmen (1966) von Karl Joseph Kutsch und Leo Riemers.