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Ausgabe 102

Zeitzeugen der ersten Stunde

Wolfgang BENZ


Im Sommer 1944 verabredeten sich in Lublin, gerade aus den nationalsozialistischen Lagern befreit, einige jüdische Historiker, um die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren. Die Arbeitsgemeinschaft setzte damit das Werk des Warschauer Ghetto-Chronisten Emanuel Ringelblum fort. Die Gruppe konstituierte sich als Zentrale Jüdische Historische Kommission. Zwei Ziele setzte sie sich: die Unterstützung der Strafverfolgung durch Sicherung der Beweise des Genozids, und die Historiografie des Judenmords. Am 29. August 1944 nahm die Kommission die Arbeit auf, im März 1945 übersiedelte sie nach £odz und wurde 1947 nach Warschau verlegt.

Mit dem Einzug in das renovierte Gebäude, das vor der nationalsozialistischen Okkupation die Warschauer Jüdische Bibliothek und das Institut für Judaistik beherbergt hatte, dann Sitz des von der deutschen Besatzungsmacht etablierten Judenrats gewesen war und 1943 zusammen mit der benachbarten Grossen Synagoge grossen Teils in Flammen aufging, endete die Geschichte der Kommission, sie ging im Zydowski Instytut Historyczny, dem Jüdischen Historischen Institut, auf. Das Institut arbeitet immer noch an gleicher Stelle. Die Dokumente, Bücher, Erinnerungstexte, Interviews und materiellen Relikte jüdischen Lebens - Kultgeräte, Gemälde, Skulpturen und andere Sachzeugnisse - die von der Kommission zusammengetragen worden waren, begründeten das Museum, das Archiv und die Bibliothek des Instituts in der Warschauer ulica T³omackie 3/5.

An der Spitze der jüdischen Historikerkommission stand Filip Friedman. Er war 1901 in Lemberg, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Achtzehnjährig ging Friedman nach Wien, wo er Geschichte und Judaistik studierte und 1925 mit der Dissertation „Die galizischen Juden im Kampfe um ihre Gleichberechtigung (1848 - 1868)" den Doktortitel erwarb. Nach der Rückkehr in die polnische Heimat entfaltete Friedman, der sich zum Zionismus bekannte, eine rege Lehrtätigkeit in £odz, Wilna und Warschau. Daneben forschte und publizierte er zur Geschichte der Juden in Polen und hatte bereits einen Namen als Historiker, als er unter deutscher Besatzung in den Untergrund floh. Er überlebte den Holocaust in Lemberg im Versteck. Ehefrau und Tochter wurden Opfer der Nationalsozialisten. Friedman, dem später der Ehrentitel „Vater der jüdischen Holocaustliteratur" verliehen wurde, verliess Polen im Juli 1946. An der Columbia University New York lehrte er bis zu seinem Tod 1960 als Historiker.

Stellvertreter des Direktors der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission waren Nachman Blumental, Magister der Philosophischen Fakultät der Universität Warschau und Autor wichtiger Arbeiten zur jüdischen Literatur, sowie Michal Maksymilian Borwicz. Er hatte Philosophie an der Jagellonen-Universität in Krakau studiert und ausser einschlägigen wissenschaftlichen Studien 1938 auch einen Roman publiziert. Im Holocaust war Borwicz zunächst Häftling im Lager an der Janowska-Strasse in Lemberg. Im Herbst 1943 gelang ihm die Flucht nach Krakau. Er befehligte eine Partisaneneinheit und leitete dann bis zu seiner Emigration 1947 die Krakauer Abteilung der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission. Als Generalsekretär der Kommission amtierte Józef Kermisz. Der Historiker hatte an der Universität Warschau promoviert.

Józef Wulf war das wohl umtriebigste leitende Mitglied der Kommission nach Temperament und Funktion (er war der Schatzmeister). 1912 in Chemnitz in einer polnisch-jüdischen Familie geboren, in Krakau aufgewachsen, hätte er Rabbiner werden sollen, beendete aber das Studium der Judaistik (und der Landwirtschaft) weder in Krakau noch das der Philosophie in Nancy und Paris. Unter deutscher Besatzung ging er in den Untergrund, leistete Widerstand und wurde ins KZ Auschwitz deportiert. Im Sommer 1947 emigrierte Wulf zusammen mit seinem Kollegen Micha³ Borwicz über Schweden nach Paris, wo sie ein Centre pour l Histoire des Juifs Polonais gründeten. Seit 1952 lebte Wulf in Berlin. Er kämpfte vergeblich für eine internationale Dokumentationsstätte des Holocaust im Haus der Wannsee-Konferenz. Auf dem Feld, für das er seine innerste Berufung verspürte, der Historiografie des Judenmords, blieb er Autodidakt, der zwar bahnbrechende Arbeiten vorlegte, die aber politisch wenig erwünscht und von den Historikern wegen ihrer methodischen Mängel nicht so gewürdigt wurden, wie Wulf gehofft hatte. Mit seinen Dokumentationen machte er sich zwar einen Namen, von der akademischen Welt fühlte er sich aber abgelehnt und setzte, tief enttäuscht, 1974 seinem Leben ein Ende. Wulf ging in die Historiografie des Holocaust als Pionier und tragische Figur zugleich ein.

Die jüdische Historikerkommission hatte bald einhundert Mitarbeiter und 25 Filialen in den Wojewodschaften und in wichtigen Städten wie Krakau und Bialystok. Ihre Aufgabe war die Dokumentation der jüdischen Katastrophe durch authentische Zeugnisse. Mehr als 7.000 Interviews mit Überlebenden des Holocaust wurden geführt. Sie bilden aufgrund ihrer frühen Entstehungszeit besonders authentische Quellen der Erinnerung. Nur zwei Publikationen aus der Sammlung der Jüdischen Historischen Kommission wurden auch im deutschen Sprachraum rezipiert: Mordechai Gebirtigs jiddische Lieder und Gedichte „Es brennt", die vom Pogrom in Przytyk im Jahr 1936 handeln, erfuhren eine literarische Karriere, die seit der Erstveröffentlichung in Krakau 1946 bis in die Gegenwart anhält und ihn zum Klassiker machte. Leon Weliczkers erstmals in £odz 1946 veröffentlichtes Tagebuch über die grausige Arbeit im Sonderkommando 1005 („Enterdungsaktion") erschien 1958 auf Deutsch in der DDR. In knapp drei Jahren publizierte die Kommission 39 Bücher und Broschüren in polnischer oder jiddischer Sprache. Im deutschsprachigen Raum sind sie nicht beachtet worden. Erst jetzt sind zwölf Texte auf Deutsch erschienen, sie sind mehr als eine historische Kostbarkeit: Sie bieten den unverstellten Blick der ersten Stunde auf die Katastrophe des Holocaust.

Charlotte Knobloch spricht von einer Zeitenschwelle in der Erinnerungskultur: Der Holocaust entschwindet seiner zeitlichen Genossenschaft, aus Zeitgeschichte wird Geschichte. Die Dokumente, die von der Jüdischen Historischen Kommission so früh zusammengetragen wurden, bilden die Brücke von der „Erlebnisgeneration" zur „Erkenntnisgeneration". Zum ersten Mal in deutscher Sprache sind das die ergreifende Schilderung Wie ich die Deutschen überlebte des Warschauer Fischhändlers Ber Ryczywol, der Bericht der Zwangsarbeiterin in der Munitionsfabrik Roza Bauminger, die Erfahrung des vierzehnjährigen Berek Freiberg im Vernichtungslager Sobibor. Rachel Auerbach berichtet über eine Reise nach Treblinka im November 1945. Sie hatte das Ghetto Warschau überlebt, war dort Mitarbeiterin des Chronisten Emanuel Ringelblum gewesen. Sie hatte mitgewirkt, das geheime Ghettoarchiv anzulegen und zu verstecken, sie gehörte dann auf der „arischen Seite" zur jüdischen Untergrundbewegung. Nach der Befreiung wurde sie Mitglied der Jüdischen Historischen Kommission in Polen. Später wanderte sie nach Israel aus, wurde Mitarbeiterin von Yad Vashem in Jerusalem. Der Bericht über Treblinka vermittelt die Atmosphäre der Mordstätte. Über den einsamen und öden Gefilden liegt Nebel:

„Wenn es wirklich so etwas wie Unsterblichkeit gibt, sollten ihre Seelen über diesem Ort schweben, zwischen den Seelen, die keine Sühne finden konnten, weil ihre physische Masse bereits verschwunden war. Wer weiss - vielleicht waren es diese jüdischen Seelen, die den Nebel bildeten, der jetzt schwer über unseren Köpfen hing."

Wie ihre Mitreisenden ist Rachel Auerbach erschüttert über die Spuren, die nach dem Ende des Mordens in Treblinka von Krämerseelen, Räubern und Dieben, vom gewöhnlichen Gesindel, das sich unter dem dünnen Firnis von Kultur oder Zivilisation verbirgt, hinterlassen wurden:

„Alle Arten von Plünderern und Marodeuren kommen in Scharen mit Schaufeln in der Hand hierher. Sie graben, suchen und plündern; sie sieben den Sand, ziehen Teile von halb verfaulten Leichen und verstreuten Knochen aus der Erde in der Hoffnung, dass sie wenigstens auf eine Münze oder einen Goldzahn stossen. Diese menschlichen Schakale und Hyänen bringen echte Granaten und Blindgänger mit. Sie bringen mehrere von ihnen auf einmal zur Explosion und reissen riesige Krater in die geschändete, blutgetränkte Erde, die mit der Asche von Juden vermischt ist."

Der Rundgang endet in Trostlosigkeit. „Beschämt und krank am Herzen, unsere Köpfe gesenkt, verliessen wir den Ort." Die Zeit sei noch nicht reif, sich am Ort des Geschehens in Trauer zu versammeln, schreibt Rachel Auerbach, den Besuch in Treblinka bilanzierend. Wären hier Rituale denkbar, fragt sie, im Wissen darum, dass hier die Asche von Angehörigen, von Freunden, von hunderten Bekannten, von hunderttausenden Unbekannten der jüdischen Schicksalsgemeinschaft mit der Erde Treblinkas vermengt ist. In der Erde, die nach dem Judenmord noch einmal geschändet wurde durch Kreaturen, die nach dem Ende des nationalsozialistischen Barbarentums ihrer Raffgier frönten durch Plünderung, Raub, Leichenfledderei. Diese Erfahrung auf dem Mordfeld im November 1945 überschattete sogar den Zorn und das Aufbäumen gegen das Menschheitsverbrechen des Holocaust. Nicht weniger eindringlich sind die Beschreibungen des Untergangs der Juden von Lemberg, der Zerstörung des Ghettos Bialystok, der Tragödien in Wilna und Warschau aus der Perspektive von Überlebenden, die als Intellektuelle die Ereignisse reflektierten, als Historiker darüber berichteten oder als erste Zeitzeugen ihre Erfahrung schilderten.