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Ausgabe 102

Eine Krakauer Reise ins Heute und Gestern

Michael ROBAUSCH


Der Waggon leert sich. Wie immer, wenn der Zug von Wien Richtung Warschau den Bahnhof der niederschlesischen Metropole Katowice erreicht. Denn während dem rauen Charme der polnischen Hauptstadt nicht viele erliegen, zieht das nahegelegene Krakau Besucher in Massen an. Umsteigen also.

Nahegelegen bedeutet allerdings noch lange nicht schnell erreicht. Es folgt Gebummel in einem vorsintflutlichen Gefährt, das - im Inneren kochend heiss - einem durch hohe See schwankenden Eisenschiff gleicht. So geht es, alle Luken sperrangelweit aufgerissen, durch eine in unterschiedlichen Stadien des Zerfalls begriffene Industriebrache, wo Birkenwäldchen langsam in der Landschaft vergessene Fabriken und Gleise überwuchern.

Man wähnt sich bereits auf einer Reise in Richtung des Endes der Welt, als nach zweieinhalb Stunden an einer unscheinbaren Haltestelle wie aus dem Nichts junge Leute hereinströmen und durch fröhlich-aufgekratztes Geplauder die etwas melancholische Atmosphäre im Handumdrehen aus den Türen hinausdrängen. Krakau, dem Krieg unzerstört entronnen und voller amerikanischer und deutscher Touristen - ist erreicht.

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Eine stille Gasse - untypisch für das so lebendige Kazimierz. Foto: Joanna Król, mit freundlicher Genehmigung.

Das jüdische Kultur-
festival

Eine schwüle Hitze liegt über der Stadt, das eigentlich logische Gewitter bleibt bis zum Ende des Wochenendes eine Ankündigung. Zwei Handlungsalternativen kristallisieren sich heraus: Flucht in die schattige Kühle der Planty, eine herrliche, die Altstadt ringförmig umschliessende Parkanlage, oder - verwegener - ein Kopfsprung in die Weiten des Jüdischen Kulturfestivals (Festiwal Kultury ¯ydowskiej w Krakowie), dessen 24. Auflage gerade in vollem Gang ist.

Es ist eines der grössen seiner Art weltweit, die Ambition der Organisatoren manifestiert sich in einem 55 Seiten starken Druckwerk, eher schon Katalog denn noch Programmheft. Aus Konzerten, Filmvorführungen und Kochkursen bis hin zu Streitgesprächen, Vorträgen und Ausstellungen speist sich im ehemaligen jüdischen Wohnbezirk Kazimierz eine Woche lang ein beeindruckendes Potpourri. Eine Art Weltausstellung jüdischer Gegenwartskunst möchte man sein: pluralistisch, optimistisch, zukunftsgewandt. Dieser Zugang deckt sich mit dem offensiv ausgerichteten Motto der hiesigen Gemeinde, die gerade noch etwas mehr als 100 Mitglieder zählt: "Creating a Jewish Future for Krakow" prangt von ihrem Zentrum, in dessen Hof junge Leute in Liegestühlen entspannt Bier trinken. Keinerlei Sicherheitsmassregeln sind hier zu bemerken.

Und tatsächlich brummt es in den Strassen und Gassen von Kazimierz, in denen sich ein Lokal an das andere reiht. So mancher der vielen Besucher wird wohl, von den Verheissungen der Fremdenverkehrsbranche angelockt, auf der Suche nach der verkitschten Schimäre eines osteuropäischen Schtetls sein. Die Vermarktung alles Jüdischen ist ein zweischneidiges Schwert: Wiederbelebung oder Vorspiegelung falscher Tatsachen im Themenpark? Ins Geschmack-lose kippt sie beim Rabatt für den Auschwitz-Besuch für denjenigen, der gleich auch einen Ausflug in die Salzminen von Wieliczka bucht.

Die Gründung des Festivals fällt zusammen mit der Überwindung der kommunistischen Diktatur in Polen 1989. Seither ist jüdisches Leben wieder möglich geworden, wie auch endlich eine offene Debatte über seine Vernichtung im und nach dem Krieg. Seit 25 Jahren ringt die polnische Gesellschaft um ihr Selbstbild im Verhältnis zu den Juden: wieviel Schuld hat man auf sich geladen, wie viel zur Rettung beigetragen? Im Für und Wider zum geplanten Denkmal für Polens "Gerechte unter den Völkern" (Sprawiedliwy w¶ród Narodów ¦wiata) in Warschau kristallisieren sich die antagonistischen Standpunkte aktuell beispielhaft heraus.

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Eine stille Gasse - untypisch für das so lebendige Kazimierz. Foto: Joanna Król, mit freundlicher Genehmigung.

Spuren der Krakauer NS-Vergangenheit

Quert man von Kazimierz hinüber auf das andere Ufer der Weichsel, erreicht man Podgórze. Recht idyllisch gelegen, zwischen - wie der Name schon sagt - dem Fuss eines grünen Hügels und dem Flussufer, wurde die lange eigenständige Gemeinde erst 1915 dauerhaft mit Krakau vereint. 1784 waren ihr von Kaiser Josef II. die Stadtrechte verliehen worden. Was für ein Kontrast. Ruhig ist es hier, ein bisschen vorstädtisch. Es gibt einen staubigen, mit Unkraut überwucherten Hauptplatz, den eine stillgelegte Baustelle seiner eigentlichen Funktion als öffentliche Begegnungszone beraubt. Kleine Greisslereien, die sich - wie so oft in Polen - als ebenso wunderliche wie herrliche Fundgruben erweisen, haben die Vorherrschaft noch nicht an die sterilen Supermärkte internationaler Fasson verloren. Vor der etwas überdimensioniert wirkenden Josefskirche sammeln schwarz-weisse Nonnen verstreute Glücksgroschen auf, Überbleibsel einer kürzlich hier gefeierten Hochzeit.

Im Winter 1941 hatten die Nationalsozialisten in Podgórze das Krakauer Ghetto eingerichtet. 15.000 Menschen wurden in einem Areal zusammengedrängt, in dem zuvor 3.000 polnische Bewohner gelebt hatten. Sie waren das Überbleibsel der jüdischen Gemeinde, Zehntausende waren bereits davor ins ländliche Umland vertrieben worden. Denn das schöne Krakau sollte die "sauberste" Stadt des Generalgouvernements werden.

Nur ein Jahr später, im Mai 1942 begannen die Deportationen aus Podgórze in die Vernichtungslager. Bei der mit äusserster Brutalität durchgeführten, so genannten Liquidation des Ghettos 1943 wurden die Mörderbanden von einem SS-Verbrecher mit Namen Amon Göth, einem Wiener kommandiert. Auf dem Platz der Ghetto-Helden (Plac Bohaterów Getta) erinnert eine aus leeren Stühlen bestehende Installation an dieses Geschehen.

Steigt man weiter hügelan, geht es vorbei an einer gigantischen Wandmalerei zur glorreichen Geschichte Krakaus: Könige und Edelmänner, Pilsudski, der polnische Papst, die wehenden Fahnen der Solidarnosc. Quert man dann die Stadtautobahn, sieht man bereits den Krak-Hügel aufragen, eine im Frühmittelalter künstlich aufgeschüttete Anhöhe. Der Gipfelsieg wird mit weiten Panoramen belohnt: Von den altstädtischen Türmen gleitet der Blick über die ausufernden Wohnblocks Suburbias bis hin zu den Schloten der Kombinate von Nowa Huta am Horizont. Dreht man sich um, schaut man hinunter auf felsiges Grün. Das war der Steinbruch des Konzentrationslagers P³aszów.

Der Abschied gestaltet sich wieder subtropisch, irgendwie schliesst sich ein Kreis. Im Schlafwagen streikt die Klimaanlage, was den Herrn von der polnischen Bahn, von ein paar Schweissperlen auf der Stirn abgesehen, jedoch keinerlei Kommentar zu entlocken vermag. Man steht erneut an offenen Fenstern, wo der Fahrtwind Rettung verspricht, lauscht den laut hereindringenden Geräuschen einer Zugfahrt, dem schrillen Quietschen und rhythmischen Geklapper vormoderner Strecken.

Stockdunkel ist es, schemenhaft nur sind die vorbeigleitenden Wälder zu erahnen. Streckte man den Arm aus, man könnte ihre Blätter und Zweige berühren. Der sich lange ankündigende Regen - jetzt kommt er, und verstärkt noch die ausströmenden Aromen des nächtlichen Unterholzes. Dann weitet sich der Raum, das Mondlicht mischt sich mit Lampen, Güterwaggons stehen auf sich mehrenden Gleisen, Bahnhofsgebäude, ein Schild, ein Name blitzt auf - "Oswiecim". Und auf einmal ist alles anders. Weg ist die romantische Anwandlung, auf einen Schlag hat sich die stille grüne Wildnis in eine der von Martin Pollak so eindringlich beschriebenen "kontaminierten Landschaften" verwandelt, wo unter unschuldigen Oberflächen das Grauen wohnt.