Aktuelle Ausgabe

Archiv

Buchrezensionen

Leserbriefe
Termine

Abonnements
Spenden

Der Verein
Links

Kontakt

 

Suche

 

 


Artikel:


Buchrezensionen:

Ausgabe 102

Ignaz Reiser und die Moderne im jüdischen Kultbau

Ursula PROKOP


Praktisch jedem Wiener und jedem Touristen ist die „Otto-Wagner-Kirche" am Steinhof, die seinerzeit als Flaggschiff der Architektur im Sakralbau angesehen wurde und heute als Baujuwel der frühen Wiener Moderne gilt, ein Begriff. Aber wie sehr die von Otto Wagner ausgelöste Reformbewegung auch den damals florierenden Synagogenbau beeinflusst hat, ist praktisch unbekannt - nicht zuletzt aufgrund des Umstandes, dass nahezu alle jüdischen Kultbauten in Wien im Novemberpogrom von 1938 vernichtet wurden. Denn selbstverständlich wurden Otto Wagners Reformen auch seitens jüdischer Architekten in Hinblick auf den Synagogenbau aufmerksam verfolgt.

Während die ältere Generation, wie Max Fleischer und Wilhelm Stiassny, noch dem Kanon des 19. Jahrhunderts verpflichtet war, war es den Jüngeren vorbehalten, sich der zeitgenössischen Moderne gegenüber zu öffnen. Eine bedeutende Rolle spielte in diesem Kontext vor allem Ignaz Reiser (1863-1940), der wie die meisten der jüdischen Architekten in Wien seine Ausbildung an der Technischen Hochschule bei Professor Carl König erhalten hatte,1 um dann bei Wilhelm Stiassny, der in vieler Hinsicht sein Vorbild und Vorläufer war, einige Jahre zu praktizieren. Unter anderem hatte Reiser in dieser Zeit die Bauleitung des prächtigen Gablonzer Tempels [heute Jablonec nad Nisou, Tschechische Republik, vgl. dazu DAVID Heft 100/2014; Anm. d.Red. ] über. Nachdem Reiser sich Ende der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts schliesslich selbständig gemacht hatte, arbeitete er jedoch vorerst vor allem auf dem Gebiet des Wohnbaus, wobei er sehr geschickt eine traditionsverbundene Ausrichtung mit modernen Tendenzen zu verbinden wusste. Erst 1910 erhielt Reiser seinen ersten Auftrag für einen jüdischen Kultbau seitens des Tempelvereines Am Volkert, dem er selbst angehörte, aus Anlass des 80. Geburtstages des Kaisers einen „Huldigungstempel" zu errichten.2 Nachdem man um 120.000 Kronen einen Baugrund zwischen Pazmanitengasse und Pillersdorfgasse im 2. Bezirk erworben hatte,3 wurde 1911  mit den Bauarbeiten begonnen, so dass man schliesslich im September 1913 die feierliche Einweihung begehen konnte. Die Zeremonie wurde vom Statthalter Freiherr von Bienert (in Vertretung des Kaisers), Oberrabiner Moritz Güdemann und einer Unzahl von Honoratioren begangen. Reiser als Planverfasser des Tempels durfte den Schlussstein legen und sein kleines Töchterchen reichte danach dem Statthalter auf einem gestickten Polster einen Zeremonienhammer, damit dieser die letzten Schläge vollbringen konnte.4 Generell wurde Reisers Leistung besonders gewürdigt. Tatsächlich hatte er mit diesem grosszügigen Bau, der mit seinem Fassungsvermögen für rund 900 Gläubige und einem Baukostenaufwand von 300.000 Kronen über den Rahmen der üblichen Tempelbauten in Wien hinaus ging, neue Wege beschritten, sowohl in formaler als auch in bautechnischer Hinsicht.

h102_029

Tempel Pazmanitengasse. Quelle: Wr. Bauindustriezeitung 1914.

Reiser selbst betonte, dass man bei diesem Bau „ von dem bisher gebräuchlichen maurischen, respektive byzantinischen Stile abgewichen  und die Synagoge in einem modernisiert romanischen Stile gehalten" hätte.5 Tatsächlich gestaltete der Architekt die beiden Fassaden (über die der Bau aufgrund seiner Lage verfügte) 6 in einer reduziert, modernistischen Formensprache mit sehr freien Anklängen an romanische Elemente, wobei das grosse Thermenfenster zweifellos auf Otto Wagners Steinhof-Kirche  zurückgeht. Auch bautechnisch zeigte Reiser durch den Einsatz des damals relativ neuen Werkstoffes Eisenbeton, dass er auf der Höhe der Zeit war. Dahingegen verzichtete er in Hinblick auf Brandschutz auf  jeglichen Einsatz von Holz. Bemerkenswert ist, dass Ignaz Reiser im Sinne des funktionalistischen Denkens der Moderne insbesondere den praktischen Notwendigkeiten, wie Beheizung, Lüftung, Zugänglichkeit der Ausgänge u. a. grosse Aufmerksamkeit widmete. Eine damals äusserst innovative gläserne Überdachung des  basilikal strukturierten Innenraumes gewährte dementsprechend eine optimale Ausleuchtung, die die prachtvolle Dekoration nur umso mehr hervorhob. Auch dieser Bau wurde in der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 von NS-Horden  „abgebrannt", wobei Reisers seinerzeitige Vorsorge in Hinblick auf Brandschutz jedoch eine völlige Vernichtung verhinderte und der Baukern erhalten blieb. Erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die verbleibenden Reste mit grossem Aufwand gesprengt.

Noch einen Schritt weiter in der Übernahme moderner Tendenzen ging Reiser beim Bau der  Mödlinger Synagoge, der 1912-14 - praktisch zeitgleich - erfolgte, wobei die Bedingungen wesentlich andere waren. Zum einen handelte es sich um eine Kleinstadt, wo andere Dimensionen erforderlich waren, zum anderen war das Gebäude nicht in einem engen Gassengewirr eingepfercht, sondern rundum freistehend - strassenseitig sogar etwas zurückversetzt - wodurch der besondere Anspruch des Tempels betont wurde. Reiser konzipierte in diesem Fall die Synagoge als Zentralbau, wobei der überkuppelte Innenraum durchaus in der Nachfolge der Kirche vom Steinhof anzusehen ist, und arbeitete bei der formalen Durchgestaltung mit modernistisch modifizierten Stilelementen des Barock.7 Dem kleinstädtischen Umfeld entsprechend hatte das Bauwerk einen fast villenartigen Charakter, der nur durch das dreiteilige Portal und das grosse Rundfenster mit dem Davidstern, die auf die sakrale Funktion hinwiesen, konterkariert wurde. Auch diese architektonisch äusserst bemerkenswerte Synagoge wurde während des Reichspogroms zerstört, allerdings nicht in dem Ausmass wie ursprünglich gedacht. Die letzten Reste wurden erst in den 1980er Jahren beseitigt. Reiser hatte für die Mödlinger Gemeinde später noch ein Verwaltungsgebäude erbaut und einige Umbauten durchgeführt.

h102_025

Kaipalast. Quelle: Wr. Bauindustriezeitung 1913.

Generell waren die letzten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg sehr erfolgreich für den Architekten, und neben den Tempelbauten konnte er noch eine Reihe von äusserst bemerkenswerten Wohn- Geschäftshäusern errichten. Insbesondere entstand 1911 nach seinen Plänen im sogenannten Textilviertel im ersten Wiener Gemeindebezirk, das zwei Jahrzehnte zuvor weitgehend von Wilhelm Stiassny ausgebaut worden war, der Kaipalast (Wien 1, Franz-Josefs-Kai 47), dessen Ständerbauweise in Eisenbeton auch die sehr funktionalistische Aussenerscheinung prägte und damals als einer der progressivsten Bauten überhaupt galt. Leider wurde dieses architekturhistorisch so interessante Gebäude nach langem Kampf  2004 wegen angeblicher Baufälligkeit abgerissen.8 Erhalten ist hingegen der kurze Zeit später errichtete elegante Lilienfelder-Hof in der Wiener Innenstadt (Ecke Weihburggasse/ Liliengasse), dessen Stahlbetonkonstruktion in diesem Fall von einer sehr dekorativen Jugendstilfassade verdeckt wird. Insbesondere der überkuppelte Eckturm mit der aufwändigen skulpturalen Ausgestaltung ist städtebaulich ein markanter Blickfang. In diesem äusserst repräsentativen Haus befand sich auch in einem  Ecklokal die berühmte Galerie Würthle, die von Lea Bondy-Jaray betrieben wurde. Sie machte sich vor allem um die österreichische moderne Malerei (wie Oskar Kokoschka, Egon Schiele u. a.) verdient, bis das Geschäft  1938 von dem umtriebigen Kunsthändler und NS-Sympathisanten Friedrich Welz  „arisierst" wurde. 9

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erfuhr Reisers Tätigkeit als Architekt jedoch erhebliche Einbussen. Die grossen Aufträge - insbesondere auf dem Gebiet des Wohnbaus - blieben aus und viele seiner Wettbewerbsentwürfe gelangten nicht zur Realisation. Weitgehend war die Kultusgemeinde der einzige Auftraggeber Reisers. Mitte der Zwanziger Jahre konnte er sich jedoch im Rahmen einer Konkurrenz  durchsetzen und erhielt den Auftrag zum Bau der Zeremonienhalle der neuen israelitischen Abteilung auf dem Wiener Zentralfriedhof. Das Projekt war von der Kultusgemeinde bereits 1914 in Angriff genommen worden, da die alte Abteilung nicht mehr erweitert werden konnte, jedoch durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges verzögert worden, so dass bis dahin nur ein von Jakob Gartner errichtetes Provisorium existierte. Reiser errichtete dann in den Jahren 1926-28 den Eingangsbereich mit der Zeremonienhalle und den dahinter liegenden Grabanlagen. Abermals kam es zum Einsatz fortschrittlichster Bautechniken, in dem ein damals ganz neues Betonspritzverfahren für die Schale der Kuppel angewendet wurde. Generell verleiht diese sehr komplex strukturierte Kuppel  -  innen über einem achtseitigen Grundriss errichtet und aussen vierundzwanzigseitig gefaltet - dem Gebäude seinen bis heute markanten Charakter.10  Reiser orientierte sich hier in der formalen Durchgestaltung mit ihren orientalisierenden Anklängen an der zeitgenössischen expressionistischen Architektur, vor allem am kurz zuvor errichteten Wiener Krematorium von Clemens Holzmeister, setzte diese Einflüsse jedoch sehr eigenständig um. Die bauliche Anlage, die in der NS-Zeit schwer verwüstet wurde, ist in den Fünfziger Jahren wieder teilweise hergestellt worden und daher eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse von Reisers Schaffen auf dem Gebiet des jüdischen Kultbaus.

h102_028

Lilienfelderhof – Eckturm. Foto:  U. Prokop, mit freundlicher Genehmigung.

Die Zeremonienhalle sollte Reisers grösster Auftrag bleiben, bis 1938 konnte er nur einige bescheidenere Projekte realisieren, darunter den sogenannten Storchentempel (Wien 15, Storchengasse 21) oder die Winterhalle des Ottakringer Tempels. Sein häufiger Wohnungswechsel in diesen Jahren lässt auf finanzielle Probleme schliessen. Möglicherweise ist Ignaz Reiser auch aufgrund seiner schlechten wirtschaftlichen Lage nach dem „Anschluss" von 1938 nicht emigriert. Er ist schliesslich kurz vor dem Einsetzen der Judendeportationen noch im Jänner 1940 im Wiener Rothschildspital einem Krebsleiden erlegen. Seine Frau wurde in ein nicht näher bekanntes KZ verbracht und dort ermordet. Über den Verbleib seiner drei Kinder ist nichts bekannt.

1  Carl König war damals der einzige jüdische Professor für Architektur in Wien und aufgrund seiner zahlreichen Schüler spricht man heute von einer „König-Schule".

2  Reiser, der damals in der Vereinsgasse wohnte, gehörte selbst der Vereinsleitung an, es ist nicht auszuschliessen, dass er - wie damals üblich - auf sein Architektenhonorar verzichtet hatte.

3  Dr. Blochs Wochenschrift 1912, H. 7 (16.2.1912)

4  Dr. Blochs Wochenschrift 1913, H.40, S.375

5  I. Reiser, Der Jubiläumstempel, Wien 2, Pazmaniteng. 6, in: Wiener Bauindustriezeitung, 31.1914, S.87ff

6  Zur Lage des Tempels siehe  B. Martens/ H. Peter, Die zerstörten Synagogen Wien, Wien 2009 u. P. Genée, Synagogen in Wien 1825-1938, Wien 1987

7  J. Neuruhrer, Die virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Mödling, in: DAVID, 23. Jhg., Dez. 2011, H. 91 u. Dipl. Arb. TU Wien 2011

8  U. Prokop, Zur architekturhistorischen Bedeutung des Kai-Palastes, in: die Steine sprechen, Jhg. 39, Juni 2000, Nr.118 u. Heidrun Weiss, Ignaz Nathan Reiser, in: DAVID H.45, Juli 2000

9  Bis heute sind Restitutionsforderungen von Gemälden, die sich ehemals im Besitz von Lea Bondy Jaray befanden, offen.

10  Zeitschrift d. Österr. Ingenieur- u. Architektenvereines 80.1928, S.421ff