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Ausgabe 112

Gedanken zu Pessach 5777/2017

Rabbiner Joel BERGER


Das Pessachfest ist einer der schönsten und inhaltsreichsten Feiertage des jüdischen Jahres. Dieses Fest des „ungesäuerten Brotes" wird auf Hebräisch Chag Hamatzot genannt.  In der Liturgie, im Festtagsgebetbuch, dagegen wird es als Sman Cherutenu,  als das „Fest des Erlangens unserer Freiheit" bezeichnet. Viele Namen meinen ein und dasselbe Fest. Man gedenkt der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens in der Antike; man verzehrt als Stütze des Gedenkens das Fladenbrot, die Matzen. Ferner ist Pessach eines der drei klassischen, biblischen Wallfahrtsfeste Israels. 

Im Altertum pilgerten die Israeliten, jung und alt, nach Jerusalem, um die Tage des Festes dort im Heiligtum gemeinsam zu begehen. Der meist verbreitete Name des Festes ist jedoch Pessach.  Nichtjuden kennen es  als Passah.  Dieser Name weist auf eine Episode der Erzählung im zweiten Buch Mose hin, auf die g-ttliche Befreiung der versklavten Israeliten. Die Häuser der israelitischen Sklaven wurden während der zehnten Plage, dem Tod der erstgeborenen Ägypter, überschritten und verschont.  Diese „Überschreitung" heisst auf Hebräisch, der Sprache der Bibel:  Pessach.  

Der bekannte jüdische Maler Marc Chagall (1887 - 1985), der in Witebsk (Weissrussland) geboren wurde und ursprünglich Segal hiess, malte und verewigte diese biblische Szene auf beeindruckende Weise. In einer Hütte sitzen die Mitglieder einer Grossfamilie am Tisch. Männer, Frauen und Kinder. Vor ihnen auf dem Tisch liegt ein feuerrot gebratenes Lamm. Alle sind sichtlich damit beschäftigt, das Fleisch - wie im 2.Buch Mose verheissen - bis zum letzten Rest zu verzehren. Über dem Dach des Hauses zieht mit blutigem, ausgestrecktem Schwert der Malach Hamawet, der „Bote des Todes" vorüber. Er überschreitet soeben die Häuser der Israeliten. Eine plastische, farbenprächtige und bibeltreue Darstellung der Vorstufe der Befreiung der israelitischen Sklaven. Offensichtlich kannte sich Chagall in der hebräischen Bibel und ihrer Exegese besser aus, als jene Maler des Mittelalters, die im kirchlichen Auftrag die Bilder vom Letzten Abendmahl als „reine Männergesellschaft" gemalt hatten.  Dieses Letzte Abendmahl Jesus und seiner Jünger war zweifelsohne ein jüdisches Pessach-Mahl gewesen. Bei einem solchen wäre es aber unvorstellbar, dass die Männer ohne ihre Familien, ohne Frauen und Kinder gefeiert hätten.

In der volkstümlichen Lektüre des Pessach-Abends, in der Haggada, finden wir auch mehrere populär gewordene Lieder. Nicht wenige dieser Lieder formulieren in ihren Texten wesentliche Inhalte und Aussagen des Festes. Der Beitrag „Ha lachma Anja" - „Dies ist das Brot des Elends" - drückt nicht nur etwas Wegweisendes über die Matzen, über das ungesäuerte Brot aus, sondern auch über die sozialen Inhalte und Gebote des Pessach-Festes. Man hebt die Matzen vom Tisch hoch und zeigt sie beim Sprechen dieses Abschnittes  der Tischgemeinschaft. Mit dieser kleinen „Demonstration" beginnt der Maggid, der narrative Teil der Haggada-Erzählung der Heilsgeschichte und der Befreiung Israels aus der Knechtschaft.  Und folgendes wird gesprochen: „Dies ist das Brot des Elends, das einst unsere Väter, Mütter und Kinder in Ägypten gegessen haben. Jeder, der Not leidet, komme und esse mit uns...  In diesem Jahr, hierzulande, im kommenden Jahr im Land Israel, in diesem Jahr als Knechte - im kommenden Jahr als freie Bürger...."  Kaum ein anderer Text, möge dieser sogar von biblischen Propheten stammen, drückt die messianischen Hoffnungen und Erwartungen des jüdischen Volkes zutreffender aus.  

Zu Pessach wird stets der Bogen der historischen Erinnerung gespannt. Vom Pessach Mitzrajim - so wird das Fest des „israelitischen Abendmahls" am Vorabend des Auszuges auf Hebräisch genannt, - bis zum Pessach leatid - bis zum Erleben der kommenden Erlösung unserer Welt.

Die „profane" Handlung, die zur Verinnerlichung jener heilsgeschichtlichen Inhalte dient, ist das Verspeisen des ungesäuerten Brotes Matza während der acht Tage des Festes.  Durch das Verzehren der Matza wird immer wieder an das Lechem Oni, an das „Brot des Elends" in der ägyptischen Diaspora erinnert. Zugleich auch daran, dass dieses ungesäuerte Brot - laut biblischer Erzählung - in grosser Hast gegessen wurde, weil der Auszug aus dem Lande der Sklaverei in rascher Eile erfolgte, als die Stunde der Freiheit nach langer Leidenszeit und bitterem Frondienst geschlagen hatte.  

Ob in der modernen Welt Pessach, dem Fest der Freiheit, heute noch das gleiche Gewicht zukommt wie einst, fragen sich vielleicht einige Menschen. Ich habe gelernt, dass die wissenschaftlich- technische Entwicklung nur ein Segment der heutigen Welt bildet, in der alles in Frage gestellt werden darf. Die totalitären Mächte werden heute ebenso von der gleichen Wesensart der so genannten modernen Welt bestimmt, wie die liberalen demokratischen Staaten. Für unsere Welt ist der Gedanke der Chancengleichheit kennzeichnend und nicht wie in früheren Zeiten irgendwelche Vorrechte oder Privilegien der noblen Geburt. Und obwohl alle Menschen als freie Wesen geboren werden, stellen wir dennoch fest, dass viele bereit sind, freiwillig auf ihre persönliche Verantwortung und Entscheidungsfreiheit zugunsten von Diktatoren zu verzichten. Der Grund ist vielleicht, dass die Freiheit immer wieder nur als eine Möglichkeit, jedoch nicht als verbindliche Verpflichtung zu selbständigem Handeln erkannt wird. Es liegt im Wesen der Freiheit, dass ein jeder selber entscheiden kann, wie intensiv er oder sie das eigene Schicksal, oder das seiner Gemeinschaft beeinflussen will. 

Der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v.d.Z.), der die europäischen Denker lange massgeblich beeinflusste, war noch der Meinung: Sklave ist, wer als Sklave geboren wurde. Dagegen wären freie Menschen auch als solche geboren. Die Modernität des Judeseins ist, unter anderem ein diesem Postulat entgegen gesetztes Denken. Die Würde des Menschen kann man in Freiheit, in einer Demokratie, leichter und erfolgreicher bewahren und schützen. Totalitäre Staaten und Mächte verlangen, dass man auf die Fähigkeit des selbständigen Denkens verzichtet. Stattdessen zwingen sie zum Dienst ihrer Ideologie, mit der Massgabe, dass durch deren Annahme das eigene Schicksal eine günstigere Wende nehmen würde. Die Freiheit, die uns Pessach bis heute verkündet, lehrt aktiven Anteil in positiven Veränderungen der Gemeinschaft zu nehmen, gegen die Gleichgültigkeit und Passivität. Daher hat Pessach seine Bedeutung als Fest der Freiheit bis heute nicht verloren.