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Ausgabe 112

Die jüdischen Gründungsmitglieder der Österreichischen Nationalbank 1816 und ihre Grabmäler am jüdischen Friedhof Währing in Wien

Serie, Teil 2: Michael Lazar Biedermann und seine Familie

Tina WALZER


Die Familie Biedermann kam aus Pressburg, damals Ungarn, nach Wien. Mit Tatkraft schuf ihr Oberhaupt Michael Lazar ein Familienimperium von europäischem Rang. Er förderte über viele Jahrzehnte den Aufbau einer modernen Infrastruktur, nicht nur in seinen eigenen Unternehmen, sondern im Dienst der gesamten Monarchie und zum Wohle der dort lebenden Juden. So wurde er zum Eisenbahnförderer, Nationalbankaktionär und progressiven Mitbegründer der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

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Unterschrift M.L. Biedermann unter dem Gründungsstatut der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, 1829. Facsimile 1926.

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Unterschrift Joseph Biedermann unter dem Gründungsstatut der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, 1829. Facsimile 1926.

Es war ein gewisser Chaim Löb Freistadt (1737 Pressburg, Ungarn; heute: Bratislava, Slowakei - 1817 Wien), der als ha-Zaddik bezeichnet wird, bis zu dem zurück sich die Zusammenhänge der Familie Biedermann rekonstruieren lassen. Offensichtlich wurde ihm unter Joseph II. per Gesetz 1788 der neue Name „Biedermann" zugeteilt, und ab diesem Zeitpunkt ist er als erster Träger dieses Namens in Wien dokumentiert. Sein Sohn David (1782 Pressburg - 1838 Wien) und sein Neffe Michael Lazar (1769 Pressburg - 1843 Gutenbrunn bei Baden, NÖ) waren beide noch in Pressburg aufgewachsen, unter dem Eindruck der sehr konservativen, streng religiös geprägten Gemeinde, die dort in einer Ghetto-Situation unter ausgesprochen bedrängten Verhältnissen existieren musste. Als sie in die Reichshaupt- und Residenzstadt kamen, fanden sie hier gar keine jüdische Gemeinde vor - lediglich eine locker gefügte Ansammlung willkürlich und individuell nach Wien zugelassener Hoffaktoren ohne Erlaubnis zur Gründung religionsorganisatorischer Strukturen. Nach erfolgreicher Erlangung von Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen heirateten beide Jungen in die alteingesessene Hofjudenfamilie Sinzheimer ein.

Michael Lazar Biedermann

Michael Lazar war als junger, mittelloser Graveur-Lehrling nach Wien zugezogen und nahm hier den Namen des Onkels, Biedermann, an. Mit Fleiss schuf er sich bald seinen guten Ruf als Siegelstecher. Das so verdiente Geld investierte er in die Eröffnung eines Antiquitätengeschäftes, handelte vorrangig mit Schmuck und Juwelen und erhielt bald das Prädikat Hofkammerjuwelier. Um sich ein zweites wirtschaftliches Standbein zu sichern, investierte er daneben in den Handel mit österreichischer Wolle. Damit gelang es ihm, eine - Anfang des 19. Jahrhunderts besonders hohe, internationale - Nachfrage zu bedienen. Sukzessive erweiterte er das Rohstoffgeschäft um den Handel mit Wollprodukten aus eigener Fertigung. Da er sich intensiv mit den technischen Fortschritten der beginnenden Industriellen Revolution vor allem in England beschäftigte, setzte er bald auf die Einrichtung von Fabriken, vor allem in Teltsch (heute: Telč, Tschechische Republik). Um beim Ausbau der Infrastruktur von fremdem Geld unabhängig zu sein, richtete er sich sein eigenes Bankhaus ein. 

Mit Blick auf die berufliche Entwicklung der nächsten Generation schickte er die Biedermann-Nachkommen, zusammen mit befreundeten Kindern, auf Bildungsreisen nach England. Sein Neffe Samuel (1802 Pressburg - 1878 Wien) hielt sich dort als junger Erwachsener gemeinsam mit Heinrich Sichrovsky (1794 Wien - 1866 Wien) auf, mit dem Auftrag, sich über den Eisenbahnbau zu informieren. Mit entsprechendem Know-how ausgerüstet, kehrten die Sprösslinge zurück und setzten  sich für den  Aufbau des Bahnnetzes der Monarchie ein. Habsburgs erste Dampfeisenbahnlinie, die Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, war das Ergebnis, Heinrich Sichrovsky ihr Gründungsdirektor. Die Zukunft der Kinder schien gesichert.

Unterstützer von Staat und Gesellschaft

Ganz erfolgreicher Unternehmer, war Michael Lazar Biedermann vielfach engagiert. Als die Staatsfinanzen nach den Napoleonischen Kriegen in Schwierigkeiten gerieten, befand er sich in der Lage, bei der Gründung einer Staatsbank unterstützend einzugreifen. So wurde er zu einem der ersten Aktionäre der späteren Österreichischen Nationalbank. Neben bedeutenden Spenden an die Habsburger, die damit im Hungerjahr1807 einen Armenunterstützungsfonds einrichten konnten und auch noch die Mitgift für drei Habsburgerprinzessinnen finanziert bekamen, sowie der Rettung seiner Heimat vor dem Staatsbankrott, interessierte er sich auch für die Situation der Juden im Staat. Jahrelang verhandelte er, gemeinsam mit Hugo von Hofmannsthals Urgrossvater Isak Löw Hofmann von Hofmannsthal (1761 Prostibor/Böhmen - 1849 Wien), mit den Autoritäten, bis endlich die Genehmigung zur Gründung einer öffentlichen Vertretung kam. Die spätere Israelitische Kultusgemeinde Wien konstituierte sich 1829, und mit der Erbauung einer repräsentativen Synagoge, des Wiener Stadttempels, konnte begonnen werden. Biedermann gehörte zu den führenden Exponenten und Sponsoren dieser innerjüdischen Entwicklungen. Zog er persönlich auch die fortschrittliche Seite des Judentums mit der Aufklärungsbewegung Haskala vor, so lag ihm doch an der Vermittlung der Standpunkte. Er unterstützte, dass dem reformorientierten Prediger Isak Noah Mannheimer (1793 Kopenhagen/Dänemark - 1865 Wien) der Rabbiner Lazar Horowitz (1800 Frauenkirchen, damals Ungarn - 1868 Wien) zur Seite gestellt wurde, um das gesamte religiöse Spektrum in Wien abdecken zu können. Ganz besonders setzte er sich fürs Bildungswesen ein und spendete bedeutende Beträge für den Ausbau des jüdischen Schulwesens in der Monarchie, beispielsweise die Deutsch-Israelitische Schule in Prag.

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Gräber von Charlotte (rechts) und Michael Lazar Biedermann. Auf seinem Grab liegt seit der NS-Zeit ein Teil des demontierten Grabmals von Hermann Hirschel-Todesko, Biedermanns eigenes fehlt überhaupt. Foto: T. Walzer, mit freundlicher Genehmigung.

Die Grabstätten am jüdischen Friedhof Währing

Biedermann-Nachkommen heirateten in andere bedeutende Familien ein - unter ihnen die britischen Rothschilds - und entwickelten sich, je nach persönlicher Neigung, in unterschiedliche Richtungen: Sie konvertierten zum Katholizismus, unterstützen die gemässigten Reformer, oder die Orthodoxen. Die in Wien und bei ihrem Glauben Verbliebenen wählten ihre Begräbnisstätten in unterschiedlichen Bereichen des jüdischen Friedhofs Währing. In der Gruppe V der Religiösen liessen sich Michael Lazars Sohn Joseph (1808 Wien - 1867 Wien) und seine Familie bestatten, die Gemässigten um Michael Lazar selbst sowie die Vertreter der älteren Generation hingegen in jener der prominenten, alteingesessenen Hofjuden, Gruppe IV. Die Kinder von Hirsch Biedermann (1775 Pressburg - 1816 Wien) und Ninna Breisach (1779 Pressburg - 1851 Wien), offensichtlich an der Repräsentation ihres gesellschaftlichen Aufstiegs interessiert, wählten eine weithin sichtbare Gruftanlage an der Einfriedungsmauer im mittleren Friedhofsteil, Michael Lazars Sohn Hermann (1811 Wien - 1869 Wien) und seine Frau Julie Kann (1811 Frankfurt am Main - 1875 Wien) eine nicht weniger auffällige in der jüngsten Gruftreihe. Späte Familienmitglieder wurden in der neuen Prominentengruppe XVIII bestattet. Zur Erhaltung der Grabstätten richteten die Familien Stiftungen ein, über die uns jetzt nur mehr alte Akten der Kultusgemeinde Aufschluss geben:

 „Der Vorstand der Wiener Isr. Cultusg. bestätigt, unter dem 25. October 1899 von Herrn Theodor Reinach in Paris, Rue Murille 26, den Betrag von fl. ö. W. 500.- fünfhundert Gulden ö. W. als Widmungscapital für die Erhaltung der Gruft Biedermann auf dem Währinger isr. Friedhofe in Wien erhalten zu haben und verpflichtet sich hiemit für immerwährende Zeiten Sorge zu tragen dass der Grabstein samt Schrift, die Einfassung und das Gitter der genannten Gruft nach Massgabe der Erträgnisse des Widmungscapitales in gutem Stande erhalten werden."1

Das Stiftungskapital wurde in der NS-Zeit ersatzlos zugunsten des Staates enteignet und bis heute nicht seinem ursprünglichen Zweck wieder zugeführt. Um den Friedhof in einem würdigen Zustand zu erhalten, sammelte die Kultusgemeinde 1903, bald nach der Schliessung des Areals, Spenden von den Nachkommen der dort Bestatteten. Max Biedermann (1845 Wien - 1914 London) beteiligte sich mit einem namhaften Betrag. 2 Der jüdische Ringstrassen-Architekt Max Fleischer (1841 Prostĕjov/Mähren - 1905 Wien) konnte in der Folge gemeinsam mit dem prominenten Habsburger-Gartenarchitekten Jaroslav Molnár den Friedhof als parkähnliche Anlage ausgestalten. Noch heute sind die damals ausgewählten Zierpflanzen erhalten, wenn auch in verwildertem Zustand.

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Zerbrochene Namenstafel des altrömischen Kenotaphs von Charlotte Biedermann geb. Goldstein. Foto: T. Walzer, mit freundlicher Genehmigung.

Zerstörungen der NS-Zeit

Während der NS-Zeit interessierte sich das Naturhistorische Museum im Dienste der Rassekunde für berühmte jüdische Familien und verbrachte unter anderem die Gebeine von dreizehn Mitgliedern der Familie Biedermann für „Forschungen" ins Museum: den Namensgeber Chaim Löb „Biedermann" und seine Söhne David und Baruch (1776 Pressburg - 1927 Wien), Davids Sohn Simon (1817 Wien - 1835 Wien), Michael Lazars Kinder samt Ehepartnern: Joseph mit Henriette Pfeiffer (1814 Stuttgart - 1858 Wien) und dem Sohn Michael Lazar (1846 - 1869, einem Enkel des berühmten Familienoberhauptes), Hermann mit Julie Kann, weiters den Sohn Ignatz (1808 Wien - 1872 Bad Ischl) und die Töchter Amalie verehelichte Lang (1802 Wien - 1858 Wien) und Adelheid (1810 Wien - 1853 Wien), und schliesslich noch, aus der älteren Generation, Hirsch mit seiner Frau Ninna Breisach. Deren Kinder wiederum entgingen der Exhumierung nur durch den Umstand, dass ihre Leichen noch derartig in Verwesung begriffen waren, dass die Schänder sie nicht brauchen konnten.

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Familiengruft 11-5, Nachkommen von Hirsch Biedermann und Ninna geb. Breisach. Foto: T. Walzer, mit freundlicher Genehmigung.

Das damals angerichtete Chaos und den respektlosen Umgang mit den Leichen, aber auch die damals noch vorhandenen Grabanlagen dokumentieren bis heute die Exhumierungsprotokolle des Museums:

 „Gruppe 5, Grab Nr. 106, alte Nr. 753, lfd. Nr. 663. Biedermann Ignaz gest. 10. 8. 1872, 64 Jahre alt, Granitpyramide 2 m, Grabtiefe 1.60 m; die Leiche wurde aus Ischl nach Wien gebracht und lag daher in einem Metallsarge, der sich in einem Eichensarge befand. Die Leiche war fast vollständig skelettiert, nur am Hinterkopf war die Kopfhaut mit schwarzen Haaren vorhanden, die am Schädelknochen entfernt und im Grabe belassen wurden."3

Über die Öffnung der Biedermannschen Familiengruft in Gruppe 11, Nummer 5, wird Folgendes berichtet:

„Die zuletzt verstorbene Marie Wertheim, geb. Biedermann, lag [also] in der obersten Reihe, der Sarg dieser Verstorbenen wurde freigelegt. Es war ein doppelter Metallsarg, dessen Kuppel entfernt wurde. In dem Kuppelsarge befand sich der eigentliche Metallsarg, dessen Deckel ebenfalls geöffnet wurde. In dem Metallsarge wurde die Leiche wohl im Verwesungszustande, aber vollkommen im Fleisch erhalten vorgefunden. Der linke Fuss wurde der Sterbekleider entblösst, und es wurde einwandfrei festgestellt, dass das Fleisch des Fusses zur Gänze erhalten war. Zur Sicherheit wurden die Fleischteile bis auf das nackte Schienbein entfernt; der Verwesungsprozess war ein derartiger, dass die Hebung der Leiche nur dann möglich war, wenn ihre sofortige Wiederbestattung erfolgt wäre. Sodann wurde die Leiche der Regine Biedermann freigelegt, die sich ebenfalls in einem Metallsarge befand; auch dieser Metallsarg wurde aufgebrochen und ebenfalls die noch im Fleische erhaltene Leiche festgestellt. Sämtliche übrigen Leichen befanden sich in Metallsärgen, deren Exhumierung infolge des noch vollständigen [sic] Verwesungsprozesses unmöglich war. Die Gruft wurde deshalb, ohne die Leichen zu enterdigen, wieder geschlossen."4

Die Kultusgemeinde rettete unter ihren Gründungsvätern auch Michael Lazar Biedermann vor dem Zugriff der Grabschänder und überführte ihn am 04. August 1940 zum Zentralfriedhof. Dort wurden seine Gebeine in einem der zu diesem Zweck angelegten Notgräber der Gruppe 14a wiederbestattet.5 Als nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges das Museum jene Knochen, die damals im Hause auffindbar waren, an die neu erstandene Kultusgemeinde zurückgeben musste, wurden die solchermassen geretteten Gebeine der exhumierten Biedermann-Familienmitglieder in einem Schachtgrab der Notgruppe behelfsmässig gemeinsam beigesetzt. Auf dem Währinger Friedhof blieben die Leerstellen der geplünderten Gräber zurück.

Heute präsentieren sich die Grabstellen Michael Lazar Biedermanns und seiner Familie zum Teil in traurigem Zustand. Architektonisch bedeutende Grabdenkmäler wurden noch während der NS-Zeit gestohlen, in der Nachkriegszeit vandalisiert, von Bewuchs und Witterungseinflüssen arg in Mitleidenschaft gezogen und sind insgesamt stark renovierungsbedürftig. Es wäre zu wünschen, dass die letzten Ruhestätten der Familie Biedermann ein würdiges Aussehen zurück erhalten, das ihrer Rolle im Leben entspricht.

Literatur:

Bernhard Wachstein, Das Statut für das Bethaus der Israeliten in Wien. Seine Urheber und Gutheisser. In: Die ersten Statuten des Bethauses in der inneren Stadt. Aus Anlass der Jahrhundertfeier, 17. März 1926,  mit einer Tafel in Farbendruck: Hg. v. Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Wien 1926, Seite 1-40.

Bernhard Wachstein [posthum], Der Anteil der Wiener Juden an Handel und Industrie nach den Protokollen des Wiener Merkantil- und Wechselgerichtes. In: Nachträge zu den zehn bisher erschienenen Bänden der Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in Österreich von Arthur Goldmann/Bernhard Wachstein/J. Taglicht/ Max Grunwald. Wien 1936, 265-360.

J.[srael] Taglicht, Nachlässe der Wiener Juden, II. Teil, 1786 - 1848. In: Ebd., 125-264.

Harry Sichrovsky, Mein Urahn - der Bahnbrecher. Heinrich Sichrovsky und seine Zeit. Wien 1988.

Sigmund Mayer, Ein jüdischer Kaufmann 1831 - 1911. Lebenserinnerungen. Berlin-Wien 1926.

Tina Walzer, Der jüdische Friedhof Währing in Wien. Entwicklung, Zerstörungen der NS-Zeit, Status quo. Wien 2011.

Aus drucktechnischen Gründen wird auf die Wiedergabe diakritischer Zeichen verzichtet.

Serie Teil 3: Berühmte jüdische Familien aus Böhmen als Mitgründer der Österreichischen Nationalbank

1  CAHJP, A/W 1102/53, Vorstand der Israelitischen Cultus-Gemeinde Wien Quittung  Biedermann Hermann und Julie - Reinach 26. 10. 1899

2  CAHJP, A/W 1460, N. N. Beiträge für die Ausgestaltung des isr. Friedhofes zu Währing, Liste undatiert

3  NHM, Abteilung für Archäologische Biologie und Anthropologie, Somatologische Sammlung, Inv. Nr. 2669, Exhumierungsprotokolle jüdischer Friedhof Währing undatiert, S. 50 

4  NHM, Abteilung für Archäologische Biologie und Anthropologie, Somatologische Sammlung, Inv. Nr. 2669, Exhumierungsprotokolle jüdischer Friedhof Währing undatiert, S. 28f. Die Bezeichnung „des noch vollständigen Verwesungsprozesses" findet sich so in der Quelle; gemeint ist damit offenbar ein noch nicht abgeschlossener Verwesungsprozess. 

5  Zentralfriedhof, Tor 4, Gruppe 14a Reihe 13 Grab Nummer 23.