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Ausgabe 112

Das Chatam Sofer Memorial in Bratislava

Jozef STAŠKO


Das Chatam Sofer Memorial in Bratislava ist die letzte Ruhestätte der wichtigsten jüdischen Persönlichkeiten von Bratislava/Pressburg. Einer von ihnen ist Moshe Schreiber, auch als Chatam Sofer bekannt, der von 1806 bis 1839 Oberrabbiner der Stadt war.

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Der Eingang zum alten Friedhof am östlichen Ende des Friedhofes, im Bildhintergrund die Donau, historisches Foto. Museum of Jewish Culture in Bratislava, Archiv. Mit freundlicher Genehmigung V. Kamenická.

Alle Verstorbenen wurden in einem Friedhof bestattet, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts weit ausserhalb der Stadtgrenze errichtet wurde. Er befand sich auf einem Damm unterhalb der Burg von Bratislava, nur durch einen schmalen Streifen Land von der Donau getrennt. Bis 1847, dem Datum der letzten Bestattung, war der Ort beinahe zweihundert Jahre lang ein Friedhof. Doch auch danach wurde der alte Friedhof gepflegt und von den Juden, die im benachbarten Getto lebten, besucht. Weder der Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie, noch die Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik beeinflussten ihn. Seine Existenz war allerdings gefährdet, als im März 1939 der Slowakische Staat ausgerufen wurde und Bratislava seine neue Hauptstadt wurde. Im Jahre 1942 bewilligte die Stadtverwaltung den Bau eines Tunnels unterhalb der Burg und die Errichtung einer neuen vergrösserten Strasse. Der historische Friedhof wurde aufgelassen und nur ein schmaler Teil, der „Bezirk des Rabbis" genannt wurde, blieb verschont. Die Knochen aus den zerstörten Gräbern konnten von Mitgliedern der Chewra Kadischa auf einen neueren Friedhof, der 1846 gegründet wurde, überführt werden. Da die Fläche um die Grabsteine der religiösen Anführer des orthodoxen Judentums  - nicht nur von denen aus Bratislava - höher als ursprünglich war, wurde der heilige Ort mit einer Betonplatte, die durch eine Stahlkonstruktion verstärkt war, bedeckt, auf der eine Asphaltstrasse, die zum Tunnel führte, gebaut wurde. Die Strasse wurde später durch Strassenbahnschienen ersetzt. Seit dieser Zeit ist der Ort, der auch als Mausoleum von Chatam Sofer bekannt ist, im Untergrund verborgen.

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Der alte Friedhof, Blick nach Westen über die Donau, historisches Foto. Museum of Jewish Culture in Bratislava, Archiv. Mit freundlicher Genehmigung V. Kamenická.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zeigte die kommunistische Partei der Tschechoslowakischen Republik kein Interesse an der Wiederinstandsetzung dieser Stätte und deshalb blieb sie den meisten EinwohnerInnen von Bratislava weitgehend unbekannt. Doch das beeinflusste nicht - besonders zur Jahrzeit (Erinnerung an den Todestag eines Verstorbenen) - die orthodoxen Juden, die aus der ganzen Welt heranreisten, um das Grab des berühmten Rabbis zu besuchen, der hautsächlich wegen seines Widerstands gegenüber der Bewegung von Moses Mendelssohn bekannt war. Nach der Samtenen Revolution im Jahre 1989, als das sozialistische System durch Demokratie ersetzt wurde, änderte sich die Einstellung zu diesem Ort. Dieser Umstand ermöglichte am 5. Juli 1999 die Unterzeichnung eines Memorandums, das die Kooperation zwischen der Stadt Bratislava sowie der Jüdischen Religiösen Gemeinde von Bratislava auf der eine Seite und dem International Committee for Preservation of the Graves of the Geonai Pressburg auf der anderen Seite festlegte. Die Gemeinde bewilligte Bauaktivitäten auf ihrem Gelände und die Stadt, als einziger Inhaber einer Transportgesellschaft, sicherte das Abtragen der Strassenbahnschienen zu. Das Komitee, in dem Nachkommen des Wunderrabbis Mitglieder waren, organisierte die Errichtung eines einzigartigen Monuments, das von Martin Kvasnica, einem anerkannten slowakischen Architekten, gestaltet wurde.  Während des Baus mussten religiöse Vorschriften strikt eingehalten werden und weil das ganze Arbeitsteam aus Slowaken bestand, wurde ein „maschgiach" (religiöser Aufseher) beauftragt, der sich um den Ort von Anfang an kümmerte. 

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Blick nach Westen über den alten Friedhof, historisches Foto. Museum of Jewish Culture in Bratislava, Archiv. Mit freundlicher Genehmigung V. Kamenická.

Drei Jahre nach dem Unterzeichnen des Memorandums waren die Arbeiten beendet. Viele bekannte Persönlichkeiten, sowohl Juden als auch Nichtjuden, aus der Slowakei und anderen Staaten nahmen an der Eröffnungszeremonie teil. Über das Ereignis wurde in Zeitungen und Fernsehsendern berichtet. Das Memorial wurde zu einer Pilgerstätte für Tausende von Besuchern, die meisten von ihnen orthodoxe Juden aus den USA und Israel, die dem grossen Chatam Sofer ihren Respekt erweisen. 

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Die unter der Strasse zu liegen gekommenen Grabmonumente, historisches Foto. Museum of Jewish Culture in Bratislava, Archiv. Mit freundlicher Genehmigung V. Kamenická.

Chatam Sofer wurde als Mosche Schreiber im Jahre 1762 in Frankfurt am Main geboren. Nach dem Abschluss einer Jeschiwah (religiöse Schule für die Ausbildung von Rabbinern) 1782 verliess er seine Eltern, zu denen er eine schwierige Beziehung hatte  und schloss sich seinem geschätzten Lehrer Rabbi Nathan Adler in Boskovice (Südmähren) an. Auf dessen Rat hin übersiedelte Rabbi Mosche ins benachbarte Prostějov, um an der dortigen Jeschiwah zu unterrichten. Dort heiratete er Sarah, die verwitwete Tochter des Rabbi Jerwitz. Im Jahre 1806, als Rabbi Mosche als Oberrabbiner von Mattersdorf (Burgenland) tätig war, wurde ihm der gleiche Posten in Pressburg angeboten, den er auch annahm. Über dreissig Jahre leitete er die Kehilat Kadosh Pressburg  und unterrichtete in einer angesehenen Jeschiwah. 1812 starb seine erste Frau nach fünfundzwanzigjähriger, kinderloser Ehe. Wenige Monate später heiratete Sofer erneut in Eisenstadt die Tochter des grossen Akiva Eger. Aus dieser Ehe entstammten elf Kinder. Abraham Samuel Benjamin Schreiber (1815 - 1872) der älteste Sohn, wurde nach dem Tod seines Vaters 1839 zum neuen Oberrabbiner ernannt. Wie schon sein Vater hatte er diese Position dreissig Jahre inne und widerstand Bewegungen, die Reformen des traditionellen jüdischen Lebens initiierten. Rabbi Abraham wurde 1872 auf dem neuen Friedhof begraben.

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Das Grab von Moshe Sofer, historisches Foto. Museum of Jewish Culture in Bratislava, Archiv. Mit freundlicher Genehmigung V. Kamenická.

Bald danach wurde sein Sohn Simcha Binim Schreiber in die Position gewählt. Auch er brach nicht mit der Familientradition und wandte sich gegen jede Neuerungstendenz innerhalb des Judentums. Wie schon sein Vater und Grossvater starb er nach dreiunddreissig Jahren im Amt am 2. Dezember 1905. Shevet Sofer, so wurde er auch genannt, wurde neben seinem Vater Ketav Sofer bestattet. Im Jänner 1906 folgte ihm sein einziger Sohn Akiva Schreiber als Oberrabbiner nach. Im Jahre 1939, als die Periode von dreiunddreissig Jahren im Dienst der heiligen Gemeinde in Pressburg sich dem Ende zuneigte, beschloss er, um die Pressburger Jeschiwah, eine wichtige Institution des traditionellen Lernens zu retten, den Posten des Oberrabbiners mit seinem Sohn neu zu besetzen und emigrierte mit seiner Familie nach Palästina. Ihm folgten seine Lehrer und Schüler aus der Jeschiwah nach.

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Die wenigen erhaltenen Grabsteine des „Rabbinerbezirks“ inmitten des zerstörten Friedhofes, historisches Foto. Museum of Jewish Culture in Bratislava, Archiv. Mit freundlicher Genehmigung V. Kamenická.

Die fünfte Generation der Sofers bekam nicht die Chance, die obligatorischen dreiunddreissig Jahre in Bratislava zu wirken. Im Jahre 1943 wurden die Familie unter dramatischen Umständen gezwungen, die Slowakei in Richtung Ungarn zu verlassen und konnte über Rumänien und die Türkei nach Palästina gelangen. Nach der Shoah, welche die jüdische Gemeinde von Bratislava von 15 000 Mitgliedern auf rund 3 500 reduzierte, wurde die Stelle der Schreibers als Oberhaupt der Gemeinde nicht mehr nachbesetzt, obwohl Nachkommen der Familie bis heute in Israel und anderen Staaten leben. Somit ist der wichtigste Bezug zum gerechten Rabbi Chatam Sofer in Bratislava sein Grab, das von einem modernen architektonischen Monument bewacht wird - dem Chatam Sofer Memorial.

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Das heutige Mausoleumsgebäude. Foto: Viera Kamenická. Mit freundlicher Genehmigung J. Stasko.

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Im Inneren des Mausoleums. Foto: Viera Kamenická. Mit freundlicher Genehmigung J. Stasko.

h112_058Die Strassen-Baustelle anstelle des Friedhofes mit dem übrig gebliebenen„Rabbinerbezirk“ , historisches Foto. Museum of Jewish Culture in Bratislava, Archiv. Mit freundlicher Genehmigung V. Kamenická.

Information

http://www.chatamsofer.sk/memorial/

http://www.chatamsofer.sk/

(Aus dem Englischen übersetzt von Monika Kaczek)