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Ausgabe 112

Der „Judenkrawall“ von 1700

Gerald GNEIST


Im Jahre 1700 bot sich in Wien wieder einmal das bedenkliche Schauspiel eines gegen Juden gerichteten Tumultes. Betroffen war damals allerdings eine einzelne Person. Es war der Hofjude Samuel Oppenheimer1, der zum Handkuss kam, obwohl er schon seit 1675 dem Staate als Bankier und Lieferant Dienste geleistet hatte. 

Bei Geldnot konnte er nämlich Hilfe anbieten. Die Versorgung der Armee mit allen Bedürfnissen stellte er sicher und hatte folglich einen nicht unbedeutenden Anteil am kriegerischen Erfolg der kaiserlichen Waffen.2 Beschrieben wird der seinerzeitige Aufruhr des randalierenden, aggressiven Pöbels durch folgenden Quellentext:

Im Jahr 1700 entstand in Wien ein gefährlicher Auflauf, der nicht anders als durch Menschenblut gestillt werden konnte. Zwei Schornsteinfeger spielten vis-à-vis vom Haus des Hofjuden Samuel Oppenheimer auf öffentlicher Strasse Mühle, worüber sie ein Jude aus dem Hause Oppenheimers auslachte. Da begann einer der beiden, um dem Juden einen Possen3 zu tun, mit der Hand auf die Bank zu klopfen. Obwohl die Juden solches Klopfen nicht leiden konnten, setzte der Schornsteinfeger sein Tun aus Trotz fort. Daher wollte der Jude das anhaltende Pochen des Schornsteinfegers durch die Rumor4-Knechte, die zur Sicherheit in Oppenheimers Hause die Wacht hielten, unterbinden und ihm das Handwerk legen lassen. Dabei bekam derjenige einige Streiche ab, weil er sich widersetzte. Das Volk nahm sich hierauf des Christen an und hielt es für unbillig, dass eines Juden wegen ein Christ geschlagen werden sollte. Bei dem Zusammenlauf nahmen Buben einer dort sitzenden Bauernfrau die Eier weg und warfen sie in des Juden Fenster. Als die alle5 waren, griff man zu Steinen. Danach wurde das Haus gewaltsam geöffnet und geplündert. Keine 10 Schritt daneben war die Hauptwache der Stadt, welche alles verhindern hätte können. Die sah aber der Plünderung des Hauses von Oppenheimer gelassen zu. Es wurden dabei alle Schriften und Handelsbücher entzwei gerissen, Gold und Silber zum Fenster hinaus geworfen, allen Weinfässern der Boden ausgeschlagen und alle Mittel des Juden preisgegeben. Die Juden hatten sich unterdessen in sichere Gewölbe eingeschlossen und kümmerlich ihr Leben gerettet. Endlich wurde durch ausdrückliche kaiserliche Order die Hauptwache abkommandiert, welche Mühe hatte, den rasenden Haufen aufzulösen. Als dieser mit scharfem Feuer belegt wurde und einige niedergeschossen, schienen sich die Tumultanten ein wenig aufzulösen. Jedoch noch am selben Abend flogen wieder Steine auf den Gassen herum, und weil der Tumult wieder anzuschwellen begann, führte man fünf Geschütze mit Kartätschen6 geladen und pflanzte sie dergestalt auf, dass man alle Örtlichkeiten auf den Gassen beschiessen konnte. Zugleich besetzte man des Hofjuden Haus mit starken Wachen. Nachdem man erfuhr, wer das erste Mal mit Gewalt das Haus geöffnet hatte, wurde am folgen Morgen, Tag St. Magdalena7, um drei Uhr einer der Schornsteinfeger nebst einem Schwertfegergesellen8 aus dem Bette geholt. Da sie als Rädelsführer angesehen wurden, machte man ihnen einen kurzen Prozess, und eine Stunde darauf, und zwar um vier Uhr, knüpfte man sie an die eisernen Gitterfenster des Hauses von Oppenheimer auf, wo sie bis zum Abend hängen blieben. Am folgenden Tag kam der Kommandant von Wien, es war General Starhemberg selbst, um die nötigen Anweisungen zu geben. Mittels Trompetenschall angekündigt, wurde ausgerufen, wer etwas von den Briefen oder anderen Sachen des Oppenheimers habe, solle es auf die Schranne9 zum Kaiserlichen Stadt- und Landgericht zu bringen, damit er pardoniert werden könne, worauf der Tumult endete. Zugleich ermahnten die Geistlichen von der Kanzel aus das Volk, das Geraubte wieder abzugeben. Grosse Teile davon wurden dadurch wieder rückerstattet. Nichtsdestoweniger berechnete man den Schaden auf 100.000 Gulden.10

Derartiges Quellenmaterial liest zweifelsohne jeder an der Materie Interessierte - insbesondere der Historiker - wissbegierig, was natürlich nicht davon entbindet, quellenkritische Massstäbe anzulegen. Immerhin wurde die vorliegende Niederschrift rund vier Jahrzehnte später angefertigt. Hinzu kam noch die Gefahr für den Autor, bei allzu grosser Offenheit zumindest zensuriert zu werden. Somit dürfte auch das teilweise Verschweigen oder überhaupt das gänzliche Unterdrücken von Tatsachen nicht auszuschliessen sein. Inwieweit es in dem Bericht aber etwa gar darum ging, Kaiser Leopold I.11 vom Verdacht reinzuwaschen, in die obig zitierten Vorkommnisse direkt verwickelt zu sein, wie das Vajda12 in seiner populärwissenschaftlichen Arbeit zu wissen meint, ist ein zwar unwahrscheinlicher, aber dennoch delikater Aspekt in dieser Causa. 

In Wien hatte man bereits 1669 die Juden des Landes verwiesen,13 doch nicht alle Wiener waren glücklich darüber. Es fehlte plötzlich die Judensteuer von 10.000 Gulden pro Jahr, und die Handwerker klagten über das Abhandenkommen einer gut zahlenden Klientel. Schlussendlich veranlassten einflussreiche Bürger die Erstellung eines Gutachtens der theologischen Fakultät Wien. Aus ihm ging hervor, das Seelenheil der Christen sei in keiner Weise durch die Anwesenheit von Juden gefährdet. Aufgrund dessen wurden allerdings nicht die kleinen Juden, sondern die grossen wie etwa Samuel Oppenheimer gerufen. Er tat wie gebeten und verdiente lange Zeit dabei blendend aufgrund seiner ausgedehnten internationalen Kontakte. Er verlangte natürlich für seine Dienste nicht wenig, konnte aber auch nie sicher sein, bezahlt zu werden. Privilegierte wie Oppenheimer durften somit durchaus zu Reichtum gelangen.14 Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle sein, dass die Ungunst der Verhältnisse den Staat seinerzeit geradezu zwang, sich bei der Geldbeschaffung verschiedener Bankiers, Lieferanten und Zwischenhändler anzuvertrauen, welche ihn durch immer waghalsigere Finanzoperationen allerdings gefährdeten.15 Oppenheimer war schlussendlich nicht nur der Verantwortliche für den ganzen Nachschub geworden, sondern hatte auch die fast ganze Finanzverwaltung geführt. Obgleich Leopold I. die Abhängigkeit von einem Hofjuden unangenehm war, hatte er sie dennoch als „notwendiges Übel" akzeptiert. Der Kaiser wurde speziell im Kriegsfall dringend gebeten,16 dafür zu sorgen, dass der Nachschub aufrecht erhalten werde, denn lieber solle die Kreditwürdigkeit des Juden leiden, als dass Krone und Zepter Seiner Majestät in Gefahr gerieten.17 Leopold I. pflegte einen in vielerlei Hinsicht frommen Fatalismus, der selbst dem damaligen päpstlichen Nuntius zu weit ging, der einmal wünschte, des Kaisers Gottvertrauen möge nicht ganz so gross sein, aber er war in moralischer Hinsicht angeblich ohne Makel. Unter seiner Herrschaft vermochte der in Wien gebliebene Oppenheimer dann ein Vermögen von etwa 4,5 Millionen Gulden zu schaffen.18 Nach dem Tode soll es kurzerhand zugunsten des Kaisers konfisziert worden sein.19 Allerdings ist belegbar, dass David Oppenheimer, Landesrabbiner Böhmens, seinen Einfluss dem ererbten Vermögen seines Onkels Samuel, Hoffaktor des Prinzen Eugen, zu verdanken hatte.20 Dass Oppenheimer sogar von Bischof Kollonitsch geschätzt worden wäre, scheint etwas übertrieben.21 Aus rationellen Gründen ermöglichte der Kaiser Oppenheimer die Erwerbung von Grund- und Hausbesitz in Wien. Er kaufte dann tatsächlich das Haus Freisingerstrasse Nr. 6 (alt 577), worin sich Schreibstuben und Geschäftslokale befanden. Nicht einmal der Wechsler Wertheimer, der gleichfalls Geld für den Staat beschaffte und die Armee bediente, besass solche Privilegien. Wohlhabende Klassen sahen darin die Gefahr, dass Juden ganz allgemein das Recht auf Besitz an Haus und Boden zugesprochen werde. Hinzu kam der Hass der Besitzlosen, sodass sich die allgemeine Stimmung wieder heftig gegen Juden wendete. Nicht zufällig hatte man also im Hause Oppenheimers eine Rumorwache eingerichtet. Der unterschwellige Groll entfachte sich wie oben beschrieben am 22. Juli 1700.22 Die zwei Schornsteinfeger entstammten einer Zunft, die sich nahezu ausschliesslich aus Italienern rekrutierte und die in der Tumultchronik jener Zeit herausragende Rollen spielten. Sie legten sich bewusst mit den Haushaltsangestellten Oppenheimers an, erhielten alsbald Verstärkung durch Ihre Zunftbrüder, die sich im nahen Wirtshaus, welches den Namen Rauchfangkehrerkeller führte, aufhielten. Die Juden wurden nun verprügelt, die ihrerseits wieder die Rumorwache um Hilfe riefen, was für die schwarzen Gesellen nicht schmerzlos ablief. Der weitere Verlauf entspricht der obig angeführten Quelle. Lediglich die Eier stammten vom nahen Bauernmarkt. Bei der Erstürmung des Hauses wurden übrigens auch die Kassen gesprengt, das Geld auf die Gasse geworfen oder eingesteckt. Die Untersuchung der Vorfälle führte nicht zur Eruierung der zwei hauptverantwortlichen Rädelsführer sondern man zog einen anderen Schornsteinfeger und einen Metallarbeiter zur Verantwortung. Die beiden wurden als Exempel und zur Warnung aufgeknüpft. Der nicht zimperliche Stadtkommandant Guido Graf Starhemberg überzeugte sich selbst von der Wiederherstellung der Ruhe in der Stadt.

Summa summarum wurde der Schaden wie bereits erwähnt auf über 100.000 Gulden23 geschätzt. Der Verlust von Wertsachen sowie die Vernichtung der Handelsbücher und der schriftlichen Unterlagen galten als Hauptursache für den späteren Konkurs Oppenheimers. Der Zusammenbruch des kaiserlichen Kriegslieferanten zeigte schliesslich auf „die katastrophale Abhängigkeit der Staatsfinanzen von Interessen privater Geldgeber ... und gleichzeitig die unfassbare Unzulänglichkeit der Finanzverwaltung ... Erst nach 20jähriger Prozessführung stellte man fest, dass der Staat beim Konkurs Oppenheimers gar nicht mehr Schuldner gewesen, sondern durch dessen Bewucherung bereits zum Gläubiger geworden war." 24 

1  S. Oppenheimer (1630 - 1703). Sic: Konrad Kramar, Petra Stuiber, Habsburg leere Kassen (Wien 2001) S. 125 - 142. In der Folge zit.: Kramar, leere Kassen

2  Karl Eduard Schimmer, Alt und Neu Wien. Geschichte der österreichischen Kaiserstadt, 2 Bd. (Wien/ Leipzig 1904) 2. Auflage, S. 103. In der Folge zit.: Schimmer, Wien

3  Jemandem einen Streich spielen

4  Unruhe, Lärm

5  mitteldeutsche Umgangsform im Sinne von verbraucht, zu Ende

6  Artilleriegeschoss mit gefülltem Blei 

7  22. Juli 1700. Sic: Hermann Grotefend, Taschenbuch der Zeitrechnung (Hannover, 12. Auflage) S. 76 . Lt. Schimmer, Wien, S. 105, jedoch der 2. April 1700

8  Blankwaffenhersteller, er fügte die Rohlinge zusammen

9  hier Gerichtsbank

10  Matth. Fuhrmann, Alt- und Neueres Wienn, Wien 1739, II, S. 1208ff. Der Quellentext wurde etwas abgeändert und in eine leicht lesbare Schreibweise gebracht.

11  Leopold I. (1640 - 1705), ab 1658 dt. Kaiser

12  Stephan Vajda, Felix Austria. Eine Geschichte Österreichs (Wien/ Heidelberg 1980) S. 303. Er schreibt, Oppenheimer sei damals verhaftet und gegen 500.000 Gulden „Kaution" auf freien Fuss gesetzt worden. In der Folge zit.: Vajda, Austria. Vgl. Kramar, leere Kassen, S. 135

13  Die Wiener hatten sich sogar bereit erklärt, eine „Toleranzsteuer"  zu zahlen, falls der Kaiser die Juden nicht in Wien dulde. Sic.: Richard Kralik, Geschichte der Juden in der Stadt Wien und ihrer Kultur (Wien 1933, 3. Auflage) S. 233

14  Robert J. W. Evans, Das Werden der Habsburger Monarchie 1550 bis 1700 (Wien/ Köln 1989) S. 292

15  Günther Probszt, Österreichische Münz- und Geldgeschichte. Von den Anfängen bis 1918 (Wien/ Köln/ Graz, 2. Auflage) S. 472. In der Folge zit.: Probszt, Münzgeschichte

16  durch Prinz Eugen

17  Derek McKay, Prinz Eugen (Graz/ Wien/ Köln 1979) S. 42

18  Vajda, Austria, S. 303  

19  Ebd. S. 303. Hier fehlt dazu eine genaue Quellenangabe! 

20  Der Grosse Brockhaus, Bd. 8 (Wiesbaden 1955) S. 572. Sic: Max Grunwald, Samuel Oppenheimer und sein Kreis (Wien 1913), derselbe in: Soncino-Blätter, (1925)

21  Kramar, leere Kassen, S. 135. 

22  Vgl. Kramar, leere Kassen, S. 128

23  Schimmer, Wien, S, 106

24  Zit. nach: Probszt, Münzgeschichte, S. 475. Sic: Max Grunwald, Samuel Oppenheimer und sein Kreis. Ein Kapitel aus der Finanzgeschichte Österreichs. (Quellen u. Forschungen zur Gesch. d. Juden in Deutsch-Österreich. 5) Wien und Leipzig 1913.