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Ausgabe 113

Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge von Oberwart (ung. Felsőőr)

Simon HOSEMANN


Die jüdische Gemeinde von Oberwart (ung. Felsőőr) war die jüngste jüdische Gemeinde des heutigen Burgenlandes. Sie ging auf die nichtjüdische Umgebung ein - in wirtschaftlicher, aber auch sozialer Hinsicht. Sie war neolog (liberal) ausgerichtet und in gewisser Weise sehr fortschrittlich. Umso tragischer ist die Tatsache, dass sie nicht mehr besteht. Heute gibt es nur wenige sichtbare Spuren der jüdischen Gemeinde in Oberwart, wie eine Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge, einen Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus im Stadtpark/Kulturpark und die erhaltenen Überreste des jüdischen Friedhofes. 

Eine genaue Jahreszahl, wann sich die ersten Juden in Oberwart ansiedelten, ist nicht bekannt, doch die erste registrierte Datierung stammt aus dem Jahr 1793, und in den Conscriptiones Judaeorum (statistischen Aufzeichnungen über die jüdische Bevölkerung) sind ab 1822 Juden in Oberwart verzeichnet. 

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Visualisierung der Synagoge in Oberwart, Blick aus Westen.

Mit dem im Jahr 1840 vom ungarischen Reichstag verabschiedeten Gesetz wurde den Juden in ganz Ungarn die Ausübung von Handel und Gewerbe erlaubt. Daraufhin zogen viele jüdische Familien, vor allem aus der Gemeinde Stadtschlaining (ung. Városszalónak), nach Oberwart. Im Jahr 1868 wurde in Oberwart eine Filialgemeinde der Kultusgemeinde Stadtschlaining gegründet. 

Das Bezirksrabbinat wurde im Jahr 1929 nach Oberwart verlegt, und im Mai 1930 wurde die konstituierende Versammlung der Israelitischen Kultusgemeinde Oberwart abgehalten. Die jüdische Gemeinde von Stadtschlaining wurde nun umgekehrt zu deren Filialgemeinde. 

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Virtuelle Rekonstruktion: Synagoge Oberwart, Querschnitt.

Wie vielerorts kam es bereits am 11. März 1938 durch ortsansässige Nationalsozialisten zu Übergriffen und Verhaftungen. Spätestens im Mai 1938, mit der Abreise des Rabbiners Michael Rosenberg, dürfte sich die jüdische Gemeinde von Oberwart aufgelöst haben und bis August 1938 waren alle Juden und Jüdinnen der Gemeinde vertrieben worden. 

Die Synagoge in Oberwart

Der Tempel wurde im Jahr 1904 errichtet und von der jüdischen Gemeinde bis zur Annexion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutsche Reich genutzt. Nach dem nur vierunddreissig Jahre andauernden Bestehen des Gebäudes wurde es zweckentfremdet und zu einem Feuerwehr-Löschgerätehaus umfunktioniert. Die heutige Nutzung der Räumlichkeiten der ehemaligen Synagoge als Büro- und Lehrräume der örtlichen Zentralmusikschule besteht seit dem Jahr 1997. Durch die vielfältigen Umbaumassnahmen ist heute nur mehr wenig Substanz des historischen Entwurfs erhalten. Umgekehrt bewirkte der Umstand der anderwärtigen Nutzung, im Gegensatz zu den meisten Synagogen des Burgenlandes, welche während der Zeit des Nationalsozialismus gesprengt, abgerissen oder später abgetragen wurden, das Weiterbestehen der Bausubstanz. 

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Virtuelle Rekonstruktion: Synagoge Oberwart, Grundriss Obergeschoss.

Im Juni 1904 erfolgte die Grundsteinlegung für den Bau der Synagoge. Nach einer Bauzeit von nur fünf Monaten, welche laut Zeitungsberichten zufolge auch durch die Bemühungen „Andersgläubiger" unterstützt wurde, fand die Einweihung der Synagoge statt. Mit dem Kaufvertrag vom 24. Juli 1940 gingen der Tempel und alle anderen Liegenschaften der israelitischen Kultusgemeinde Oberwart in den Besitz der Stadtgemeinde Oberwart über. Am 29. Mai 1946 bestätigte der Bürgermeister von Oberwart die Enteignung in einem Schreiben an die Israelitische Kultusgemeinde Wien. 

Die virtuelle Rekonstruktion

Um ein virtuelles Modell der Synagoge in Oberwart erstellen zu können, wurden grundsätzliche Informationen über das Gebäude benötigt. Diese Informationen konnten durch einen intensiven Rechercheprozess ermittelt werden. Schlussendlich standen Planmaterialien, Fotografien und eine Analyse und Vermessung des Gebäudes im heutigen Zustand, sowie textliche Beschreibungen des Tempels zur Verfügung. In weiterer Folge wurde versucht, aus den ermittelten Daten eine angemessene Interpretation der Ausgestaltung der Synagoge abzuleiten. 

Im durchaus ungewöhnlichen Fall der Synagoge in Oberwart war die Tatsache, dass das Gebäude in Grundzügen nach wie vor erhalten ist, ausschlaggebend dafür, eine Herangehensweise zu entwickeln, welche sich auf diese Tatsache stützt. Konkret bedeutet dies, dass die Vermessung und Analyse des Bestandes grundlegend für die virtuelle Rekonstruktion war. 

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Visualisierung des Innenraums.

Aufgrund der mehrmaligen Umbauten des Gebäudes können heute aber nur wenige Rückschlüsse auf das tatsächliche Aussehen des Tempels gezogen werden, was dazu führte, dass eine Interpretation anhand von Fotografien und Vergleichsobjekten notwendig wurde. 

Aufbauend auf dieser Vorgehensweise wurde versucht, eine digitale Nachbildung der Synagoge in Oberwart anzufertigen, welche durch nachvollziehbare Vergleiche und Annahmen dem tatsächlichen Aussehen des Gebäudes möglichst nahe kommt. 

In der Modellierung des virtuellen Modells wurde auf alle ermittelten beziehungsweise relevanten Unterlagen Bedacht genommen, um so eine möglichst realistische und detailgetreue Abbildung des Tempels darstellen zu können. Die dadurch entstandenen Visualisierungen verdeutlichen die Relevanz einer intensiven Grundlagenermittlung und ermöglichen es, die Synagoge von Oberwart virtuell zu erleben.

Alle Abbildungen: Virtuelle Rekonstruktionen, S. Hosemann 2015 mit freundlicher Genehmigung.

Literaturhinweise und Links:

Simon HOSEMANN, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Oberwart/ Felsőőr, Dipl. Arbeit Technische Universität Wien 2015, digital abrufbar: https://publik.tuwien.ac.at/files/PubDat_239223.pdf 

Ursula MINDLER, Die jüdische Gemeinde von Oberwart/Felsöör, edition lex liszt 12, Oberwart 2013, 

ISBN 978-3-99016-057-2

http://www.gedenkweg.at/index.php/zur-erinnerung-an-die-juedische-bevoelkerung-oberwarts

Hugo GOLD, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes. Edition Olamenu. 

Tel Aviv 1970.

Pierre GENÉE, Synagogen in Österreich. Löcker Verlag. Wien 1992.