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Ausgabe 113

Die jüdischen Gründungsmitglieder der Österreichischen Nationalbank 1816 und ihre Grabmäler am jüdischen Friedhof Währing in Wien

Tina WALZER


Serie, Teil 3: Berühmte jüdische Familien aus Böhmen als Mitbegründer der Österreichischen Nationalbank

Einige der Gründungsmitglieder der Österreichischen Nationalbank stammten aus bekannten böhmischen jüdischen Familien. Diese, durchwegs in wohlhabenden jüdischen Gemeinden situiert, schickten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Söhne vorzugsweise in die Reichshaupt- und Residenzstadt, um ihr Familienunternehmen durch eine Niederlassung in Wien und somit ihr Geschäftsfeld zu erweitern. Viele dieser Unternehmen profitierten in der Folge von der Industriellen Revolution, die Wiener Familienzweige wurden wohlhabend.

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Die Grabmonumente von Simon und Babette Edle von Lämel in der Form altrömischer Kenotaphe auf dem jüdischen Friedhof Währing in Wien. Foto: T. Walzer, mit freundlicher Genehmigung.

Zu den bekanntesten böhmischen Familien, deren Söhne Karriere in Wien machten, zählen die Hönigsbergs. Das Gründungsmitglied der Österreichischen Nationalbank, Maximilian Edler von Hönigsberg (1754 Kuttenplan, Böhmen, heute Chodová Planá, Tschechische Republik - 1832 Wien), war der dritte Sohn von Israel Hönig (1724 Kuttenplan - 1808 Wien): Dieser gilt als erster österreichischer Jude, der vom Kaiser in den erblichen Adelsstand erhoben wurde (1789) sowie erster jüdischer Staatsbeamter im österreichischen Verwaltungsdienst. Seine Aufgabe war die Verstaatlichung und weitere Verwaltung des Tabakmonopols in der Habsburgermonarchie. Maximilian setzte sich vor allem für die Gründung einer Standesvertretung der Wiener Juden, der Israelitischen Kultusgemeinde, ein. Deren Zustandekommen sollte er jedoch nicht mehr erleben - die rechtlichen Grundlagen dafür wurden erst im Vormärz geschaffen, nachdem durch die josefinischen Toleranzpolitik eine eigenständige Position der Wiener Juden praktisch verhindert worden war. Bemüht hatte sich Maximilian darum bereits seit 1792.

Samuel Lewinger (1758 Prag - 1838 Wien) war der Sohn von Jehuda ha-Levi aus Prag. 1794 erlangte er in Wien die „Toleranz" (Arbeitserlaubnis und Aufenthaltsrecht, zeitlich begrenzt, an die Person gebunden und gegen Begleichung erheblicher Gebühren regelmässig zu verlängern) und  heiratete dort in die alteingesessene Familie Wertheim ein. Sein besonderes Verdienst ist in der Modernisierung des Armen- und Spitalswesens zu suchen, wo er sich vielfältig engagierte, während er beruflich als k.k. privilegierter Grosshändler sein Auskommen fand.

Zur jüngeren Generation der „privilegierten" Grosshändler in Wien zählte Lazar Gotthold Goldstein (1786 Altstadt, Böhmen; heute Staré Mĕsto, Tschechische Republik - 1850 Wien). In erster Ehe war er mit einer Tochter von Hugo von Hofmannsthals Urgrossvater, Isak Löw Hofmann von Hofmannsthal (1761 Prostiboř, Böhmen - 1849 Wien), verheiratet. Auch er war sozial sehr engagiert und finanzierte den Hofmannschen Privatarmenverein ebenso mit wie eine Stiftung zur Heiratsausstattung - ein wichtiges Instrument zur wirtschaftlichen Absicherung der Frauen, die damit nicht nur wirtschaftlich unabhängiger waren, sondern auch bessere Chancen auf eine erfolgversprechende Ehe erhielten.

Der Seidenhändler David Semler (1753 Podĕbrady, Böhmen - 1832 Wien) hielt sich seit 1792 in Wien auf. Sein Sohn Salomon Beer war eher kulturell interessiert und Mitglied der gesellschaftskritischen „Spass-Gesellschaft" Ludlamshöhle im Vormärz. Sein Schwiegersohn Leopold Breuer (1791 Karl-burg, Ungarn; heute Rusovce, Slowakei - 1872 Wien) hingegen zählt zu den herausragenden Religionslehrern der Israelitischen Kultusgemeine Wien.

Während die bisher Genannten nicht nur Mitbegründer der Österreichischen Nationalbank, sondern auch der Israelitischen Kultusgemeinde Wien waren, trifft dies auf ein prominentes böhmisches Gründungsmitglied der Nationalbank nicht zu: Simon Edler von Lämel (1766 Tuschkau, Böhmen; heute Mĕsto Touškov, Tschechische Republik - 1845 Wien) legte offenbar persönlich wenig Wert auf die Einrichtung einer religiösen Interessensvertretung in Wien. Erst verhältnismässig spät, 1819, erhielt er gemeinsam mit seinem Sohn Leopold die Grosshandelsbefugnis, die Firma Lämel & Söhne konnte protokolliert werden. Sie war Mitglied des Bankenausschusses und hatte ihr Büro in der Kärntnerstrasse. Lämel gehörte zu den wichtigsten Befürwortern der jüdischen Aufklärungsbewegung (hebr. Haskala) in Wien.

Allen hier Genannten ist gemeinsam, dass sie zwischen 1784 und 1879 auf dem jüdischen Friedhof Währing in Wien bestatten wurden. Während wenigstens die Grabdenkmäler von Goldstein und Lämel erhalten sind, besass David Semler gar keinen Grabstein, jener Lewingers ist zerbrochen und Max Hönigsbergs Grabmonument fehlt nach den Schändungen der NS-Zeit überhaupt.