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Ausgabe 113

Jüdisches Leben in Südostasien einst und jetzt

Alfred GERSTL


In der Neuzeit und speziell mit Beginn der Kolo-nialisierung Südostasiens durch die europäischen Mächte gelangten auch Juden in diese Subregion. Anfänglich wanderten die meisten aus dem Mittleren Osten über den Umweg Indien oder China nach Südostasien, wo sie sich häufig als Zwischenhändler betätigten. Einige von ihnen gelangten zu grossem Wohlstand, wobei sie, wie etwa die Familie Sassoon oder Manasseh Meyer, jüdische Kultur und Einrichtungen förderten. Die Zahl der Juden in Südostasien ist heute überschaubar, doch unterhält Israel mit der Mehrzahl der südostasiatischen Staaten gute Beziehungen, namentlich mit Singapur, wo die aktivste jüdische Gemeinschaft in Südostasien beheimatet ist. 

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Orchard Road in Singapur: Die Einkaufsstrasse mit Luxus-Kaufhäusern spiegelt den ökonomischen Erfolg des kleinen Stadtstaates wider. Foto: A. Gerstl, mit freundlicher Genehmigung.

Südostasien ist eine hinsichtlich Ethnizität, Sprache, Kultur und Religion extrem vielfältige Region. Dem riesigen Inselstaat Indonesien mit 250 Millionen Einwohnern steht das winzige Sultanat Brunei mit 430.000 Einwohnern gegenüber. Auch wirtschaftlich existieren gravierende Unterschiede zwischen den elf südostasiatischen Staaten: Unterentwickelten Ländern wie Kambodscha und Laos stehen das aufstrebende Malaysia und, als einziges industrialisiertes Land, Singapur gegenüber. Bezüglich des Demokratisierungsgrades fallen ebenfalls markante Unterschiede auf: Während die politische Liberalisierung in Myanmar/Burma bemerkenswert ist, kommt es in Thailand aufgrund des Putsches seit 2014 zu Rückschlägen. Kaum Anzeichen für politische Reformen gibt es in Vietnam, Laos und Kambodscha, während Singapur ein semidemokratisches System bleibt. 

Trotz dieser signifikanten Unterschiede wächst der Subkontinent, ähnlich wie Europa, enger zusammen: Die Assoziation südostasiatischer Nationen (ASEAN) gilt als das nach der Europäischen Union (EU) am stärksten integrierte Regionalbündnis der Welt. Insbesondere die wirtschaftliche Zusammenarbeit wird immer enger. ASEAN gehören mit Ausnahme von Osttimor, das erst 2002 unabhängig wurde, sämtliche südostasiatischen Nationen an. 

 Vor dem Eintreffen der europäischen Kolonialherren im 16. Jahrhundert prägten die chinesische und indische Zivilisation Südostasien. Die südostasiatischen Völker übernahmen und adaptierten Kultur und Religion sowie politische und soziale Ordnungsmodelle aus dem Subkontinent und dem Reich der Mitte, auch der Islam wurde via Indien eingeführt, weshalb er generell als gemässigter gilt als auf der Arabischen Halbinsel. Zudem setzten sowohl aus Indien als auch China während des Kolonialismus grosse Auswanderungen nach Südostasien ein. Noch heute gibt es in den meisten südostasiatischen Ländern bedeutende chinesische und indische Minderheiten; in Singapur stellen ethnische Chinesen sogar die Mehrheitsbevölkerung. 

Aufgrund ihrer geschäftlichen Erfolge, der Betonung des Bildungsgedankens und ihrer transnationalen, familialen Netzwerke werden Chinesen und Juden häufig miteinander verglichen. Auch hinsichtlich der Diskriminierung bestehen Parallelen: Zur Zeit des Kalten Krieges wurde die chinesische Minderheit beispielsweise in Indonesien mitunter als Fünfte Kolonne des kommunistischen China verunglimpft. Bei Auseinandersetzungen nach dem Putsch Suhartos, der 1965 Sukarno ablöste, kamen schätzungsweise 500.000 ethnische Chinesen ums Leben. Der Film The Act Of Killing von Regisseur Joshua Oppenheimer zeigt ein verstörendes, aber realistisches Bild der damaligen Gewaltexzesse. Er lässt in einer Art Dokumentation einige Täter, die nie zur Rechenschaft gezogen wurden, ihre Verbrechen nachspielen, wobei andere Täter in die Rolle der damaligen Opfer schlüpfen. Doch auch im Zuge der Demonstrationen gegen die autoritäre Herrschaft Suhartos, die 1998 zur Demokratisierung des Landes führten, kam es zu gewalttätigen antichinesischen Ausschreitungen. 

Indien und Burma 

Auch Juden migrierten über Indien und China nach Südostasien. Laut dem Historiker Jonathan Goldstein trafen die ersten Juden um 1290 in Südostasien ein. Sie kamen aus dem China der Song-Dynastie (960-1289), indem sie, aus dem heutigen Israel oder Ägypten stammend, der traditionellen Seidenstrasse gefolgt waren. Ab dem späten 18. Jahrhundert stellten die sogenannten Bagdader Juden - der Gemeinschaft gehörten irakische, syrische, jemenitische, aber auch persische Juden an - die Mehrheit der Auswanderer nach Südostasien. Viele Juden waren als (Zwischen-)Händler tätig, die Waren zwischen Europa, dem Mittleren Osten, Südostasien und China austauschten; dabei spielte auch der damals legale Opium-Handel eine wichtige Rolle. 

Etliche Handelshäuser investierten die Gewinne in Immobilien, namentlich in aufstrebenden Hafengebieten. So auch das transnationale Handels- und Finanzhaus Sassoon, das vom jüdisch-orthodoxen persischen Emigranten David Sassoon (1792-1864) in Bombay (Mumbai) aufgebaut wurde. Aufgrund ihres Reichtums wurden die Sassoons als „Rothschilds des Ostens" bezeichnet. Namentlich David Sassoon förderte als grosszügiger Mäzen jüdische Einrichtungen, darunter den Bau von Synagogen. Generell florierte in Bombay das jüdische religiöse und kulturelle Leben, und um 1950 lebten circa 20.000 der 30.000 indischen Juden in der Handelsstadt. Eine weitere wichtige Gemeinde bestand im südindischen Kochi (Cochin) im Bundesstaat Kerala, wohin die ersten Juden je nach Quelle vor 1.000 oder bereits 2.000 Jahren gezogen waren. 

Viele Juden blieben in Indien, doch etliche wanderten aus dem britisch dominierten Subkontinent weiter nach Südostasien. Solomon Gabirol gilt als der erste Jude, der sich, aus Bombay kommend, 1752 in Burma niederliess. Doch erst nach der Eroberung Burmas durch die Briten 1824 begann sich jüdisches Leben stärker zu entfalten. 1854 wurde die Musmeah Yeshua-Synagoge in Rangun, lange Zeit die burmesische Hauptstadt, errichtet. Ursprünglich aus Holz gebaut, wurde sie von 1893 bis 1896 durch massivere Steinbauten erweitert. Sie überstand die Wirren des Zweiten Weltkrieges und ist heute das einzige noch erhaltene jüdische Gtteshaus in Burma/Myanmar. 

Das Gros der knapp 1.200 Juden flüchtete nach der Besetzung Burmas durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg nach Kalkutta. Ungefähr 500 kehrten nach Kriegsende zurück. Erst nach dem Staatsstreich durch General Ne Win 1962, der ein autoritäres und abgeschottetes sozialistisches System aufbaute, verschlechterte sich ihre Situation - wie auch jene der Gesamtbevölkerung. Die meisten wanderten daher nach Israel aus. Schätzungen zufolge leben heute nur noch knapp über 20 Juden in Rangun. Es steht jedoch zu erwarten, dass sich aufgrund der wirtschaftlichen Öffnung des potenziell reichen Landes neue wirtschaftliche Perspektiven für die israelisch-burmesischen Beziehungen ergeben und einige Juden temporär als Geschäftsleute oder Touristen nach Myanmar reisen werden. 

Neben Schanghai war die philippinische Hauptstadt Manila während des Zweiten Weltkrieges ein Zufluchtsort für vorwiegend österreichische und deutsche Juden. Knapp 1.400 wurden zwischen 1937 und 1941 aufgenommen, bevor die Japaner auch die Philippinen, damals eine amerikanische Kolonie, besetzten. Heute leben nur mehr einige hundert Juden auf den Philippinen. 

Singapur 

So untypisch Singapur in vielerlei Hinsicht für Südostasien ist, so aussergewöhnlich ist es auch in Bezug auf seine jüdische Geschichte: Jüdisches Leben konnte sich in dieser britischen Vorzeigekolonie am freiesten entfalten und setzte laut Goldstein einen Standard für Südostasien. Der kleine Stadtstaat, 1819 gegründet und bis 1963 britisch kontrolliert, ist noch heute ein strategisch gelegenes, globales Handels- und Finanzzentrum. 1830 waren erst neun Juden in der Kolonie registriert, doch die Gemeinde wuchs dank Zuwanderung, vorwiegend aus dem indischen Kalkutta. Bereits 1840 konnte eine Synagoge für 40 Personen erbaut werden. Um 1900 lebten 500 Juden in Singapur, die Zahl stieg bis zum Zweiten Weltkrieg auf einige Tausend. 1942 besetzte Japan überraschend die als uneinnehmbar geltende Festung Singapur, auch die jüdische Bevölkerung, so sie nicht fliehen konnte, wurde unterdrückt. Erst nach der Unabhängigkeit 1965 besserte sich langsam, aber nachhaltig die ökonomische Situation. Vom damaligen Tief von 150 Mitgliedern erholte sich die Zahl der Gemeindemitglieder auf heute wieder 1.500. 

Für das religiöse Wohl sorgen heute zwei Synagogen, für das kulinarische ein koscherer Supermarkt. Hohes Ansehen geniesst auch die Sir Manasseh Meyer International School. Meyer (1846-1930), ein in Bagdad geborener, mit 15 Jahren aus Kalkutta zugewanderter und zu grossem Reichtum gelangter Rohwarenhändler und Immobilienentwickler, wirkte als bedeutender Führer der kleinen Gemeinde und Mäzen, u.a. unterstützte er Albert Einstein, der 1922 in Singapur weilte, finanziell beim Projekt des Ausbaus der Hebräischen Universität in Jerusalem. 

Der multikulturelle Stadtstaat mit heute 5,5 Millionen Einwohnern musste sich nach seiner Unabhängigkeit in einem schwierigen Umfeld behaupten und entwickelte sich zum einzigen Industrieland in Südostasien - die Parallelen zu Israel sind frappant. Bezeichnenderweise unterhalten Singapur und Israel traditionell enge politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und militärische Beziehungen. Premierminister Lee Hsien Loong bedankte sich anlässlich seines Staatsbesuches im April 2016 in Israel - die Visite war eine Premiere in den bilateralen Beziehungen - ausdrücklich für die Unterstützung, die Israel dem Stadtstaat nach seiner Unabhängigkeit 1965 beim Aufbau der Armee gewährt hatte. Erst im Jahr 2000 hatte Singapurs Politik dieses gut gehütete Geheimnis gelüftet. Auch zum thailändischen und vietnamesischen Militär bestehen gute Beziehungen. Bereits 1986 besuchte der damalige israelische Präsident Chaim Herzog Singapur. Damals hatten die muslimisch geprägten Nachbarländer Indonesien und Malaysia mit heftiger Kritik an Singapur reagiert. 

Pragmatische Beziehungen 

Zwar ist Indonesien das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt, doch ist der Islam dort, anders als in Malaysia und Brunei, nicht Staatsreligion. Jedoch erlebt in allen drei Staaten ein strikter interpretierter Islam in Politik und Gesellschaft derzeit einen Aufschwung. Keines der drei Länder anerkennt Israel diplomatisch. Im pragmatisch orientierten Südostasien stellt dies indes kein gravierendes Hindernis für engere Kontakte dar, vor allem wirtschaftlicher Art und im Tourismus. Zudem gibt es beispielsweise eine israelisch-indonesische Handelskammer. Mit den anderen südostasiatischen Staaten unterhält Israel teils sogar sehr gute Beziehungen - neben den erwähnten Ländern Singapur, Burma/Myanmar und den Philippinen ist hier Vietnam zu nennen. 

Angesichts der rasanten sozioökonomischen Entwicklung in Südostasien stehen die Perspektiven für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den einzelnen Ländern, aber auch mit ASEAN sehr gut. Israel kann vom wirtschaftlichen Aufschwung der Region durch verstärkten Handel profitieren. Auch kann die israelische Start up-Szene als Vorbild gelten und ist israelische Technologie gefragt, namentlich in der Landwirtschaft, aber auch im militärischen Bereich, wobei in den letzten Jahren vor allem Vietnam israelische Waffensysteme gekauft hat. Umgekehrt bietet Südostasien wichtige Rohstoffe, wachsende Absatzmärkte und ist als Tourismusdestination beliebt. 

Dass jüdisches Leben in Südostasien trotz dieser im Grossen und Ganzen guten bilateralen Beziehungen zwischen Israel und den einzelnen Staaten, abgesehen von einzelnen urbanen Zentren wie Singapur, zu einer neuen Blüte finden wird, ist jedoch angesichts der geringen Zahl von in Südostasien lebenden Juden zu bezweifeln. 

Zum Autor

Dr. Alfred Gerstl ist Forscher am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien mit Schwerpunkt Südostasien. 

Weiterführende Literatur 

Daniel Chirot und Anthony Reid (Hrsg.) (1997): Essential Outsiders: Chinese and Jews in the modern transformation of Southeast Asia and Central Europe. Washington: University of Washington Press. 

Jonathan Goldstein (2015): Jewish Identities in East and Southeast Asia. Singapore, Manila, Taipei, Harbin, Shanghai, Rangoon, and Suragaya. Oldenbourg: De Gruyter. 

Vera Leininger (2013): „Jews in Singapore: Tradition and Transformation." In Manfred Hutter (Hrsg.): Between Mumbai and Manila. Judaism in Asia since the Founding of the State of Israel. Bonn: V&R unipress und Bonn University Press, S. 53-63.