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Buchrezensionen:

Ausgabe 113

Schmattissimo

Das neue Buch von Roger Reiss

Tina WALZER


Zum diesjährigen Europäischen Tag der jüdischen Kultur, an dem über das Thema Diaspora reflektiert wird, erinnert uns der Autor Roger Reiss im Kapitel Scrabblen, was einem Einwanderer, der einen ausgefallen jüdisch klingenden Namen trägt, alles zustossen kann. Hier ein Auszug:

heft113_26

Roger Reiss
Schmattissimo
CS Publishing
Abrufbar bei amazon.de

Kommt Pshoresky zu Kippur in die Synagoge setzt er sich neben mich hin. Welche Ehre. Einige Monate später, als ich zufällig Doktor Pshoresky ein Käse-Sandwich in der Cafeteria des Genfer Kantonspitals essen sah, ging ich spontan auf ihn zu:

                  «A stikl Brojt? Ist das alles, was du zu dir nimmst?» Der Eitle zeigt auf seinen sauberen schneeweissen Kittel: «Seit wir uns das letzte Mal sahen, habe ich stark abgenommen, du bemerkst aber alles. Wie geht es denn dir?»

                  «Pshorsky», so ist sein Spitzname, «Dir scheint es wirklich gut zu gehen. Ich bewundere deine kühle Distanz zu allem. Schaust du kein Fernsehen? Juden sind in aller Welt zu bevorzugten Zielscheiben geworden. Wie hältst du diese Willkür, dieses Hefker-Sein, aus? Trägst du am falschen Ort einen fremdländischen Namen, riskierst du dein Leben. Um dem zu entgehen, hast du dir nicht überlegt, deinen Namen zu verschweizern? Dies ist jetzt möglich. Schaden kann es jedenfalls nicht! Wie schnell die Lage sich auch in der Schweiz verschlechtert, ist kaum zu glauben. Willst Du hören, was man mir vor einigen Tagen berichtete?»

                  Pshorsky drängt: «Schiess endlich los! Was willst du mir erzählen?»

                  «Als Abramino Israele sich von Rom herkommend in Genf niederliess, empfahl ihm die Einwanderungsbehörde, dass er seinen hebräischen Namen verschweizern solle. Israele machte sich das Leben nicht einfach und kaufte sich ein Scrabble, die französische Version.»

                  «Und dann?»

                  «Der Beamte liest auf seinem Geburtsschein seinen Namen: Israele. Ist dies Ihr Geschlechtsname? Oder Ihr Volksstamm?»

                  «Monsieur, deswegen stehe ich vor Ihnen. Lasière will ich von nun an heissen.»

                  «Wie sind Sie darauf gekommen?»

                  «Nein, nein, mein Scrabble-Gedächtnis hat mir geholfen. Ich zerlegte meinen Namen Israele in die sieben Buchstaben, vermischte die Steine und versuchte sie in der Mitte des plastifizierten Kartons anders anzuordnen. Nach einigen Versuchen bin ich auf Lasière gestossen. So einfach ist es. Der Vollständigkeit halber wäre mir Albert Lasière genehm.»

                  «Im Namen der Republik und des Kantons Genf gratuliere ich Ihnen. Fortan heissen sie Monsieur Lasière

                  Pshorsky platzt der Geduldsfaden:

                  «Lasière ist mit seiner feigen Attitüde ein Nestbeschmutzer. Sterben kann er von mir aus. Familiennamen gehören zur jüdischen Identität, wenn man an dem rüttelt, ist es vorbei. Mit seinem Nachgeben demütigt er unser Volk. In meinen Augen ist er ein Verräter!»

                  «Sprechen wir von dir. Schade, dass du keine Zeit mehr findest, deine Solidarität unserem Volk zu bezeugen. Ist es nicht eine Frage der Zeit, dass dein säkularisiertes Judentum, wie du es auslebst, dem Untergang geweiht ist?»

                  «Wer erlaubt dir, so etwas zu behaupten? Wichtig ist, dass du dich im Beruf unentbehrlich machst. Die Medizinforschung hat mir zu Ruhm verholfen, von dem jede Mame nur so träumt. Der Rest folgt. Hand aufs Herz, was bringt dir dein Brotberuf als Private Banker ein? Zures. Unvoraussehbare Sorgen. Nur Leid. Nicht wahr?»