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Ausgabe 113

Sich nicht unterkriegen lassen

Ilan Beresin


Marianne Enigl: Baldermann. Wien 1903 - Berlin/Plötzensee 1943.

Eine Arbeitergeschichte im Roten Wien

Wien: Mandelbaum Verlag 2017

232 Seiten, englische Broschur, Euro 19,90 

ISBN: 978385476-534-9

Josef „Pepi" Anton Baldermann wird 1903 in Wien geboren. Seine beiden Eltern ziehen um 1900 von Mähren nach Wien, wo der Vater als Eisengiesser tätig ist. Nach der Heirat mit Hermine „Hermi", geborene Konschitzky, kommt 1941 der einzige Sohn Josef Richard zur Welt, der liebevoll „Burli" oder „Bubi" genannt wird. 

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Cover (Copyright: Mandelbaum Verlag, Wien)

Josef Baldermann ist „keiner, der aufgibt. Ums Überleben kämpft er schon als Kind, schwer krank. Dann sind die Suche nach Arbeit und Phasen der Arbeitslosigkeit Herausforderung, er hungert, wird wegen Bettelns in den Arrest gesteckt. Immer wieder neu anfangen. Sich nicht unterkriegen lassen."1  Als Vertreter des Roten Wiens schliesst er sich mit 15 der sozialistischen Arbeiterjugend an. Im Ständestaat wird er zur Arbeit in der Werkzeugfabrik Blau & Co. verpflichtet. Als die Gestapo ihn am 29. Juli 1941 wegen „Betätigung für die Kommunistische Partei" verhaftet, ist Sohn Burli gerade erst zehn Tage alt. Im selben Jahr werden 1507 kommunistische WiderstandskämpferInnen von der Gestapo festgenommen, unter ihnen befindet sich auch die bekannte Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Josef Baldermann Mutter Agnes und Ehefrau Hermi müssen allein zurechtkommen. 1942 wird Baldermann ins KZ Gross-Rosen gebracht und im Oktober des Jahres wird er mit weiteren sieben Angeklagten vor den Volksgerichtshof in Berlin gebracht. Dort wird er mit sechs weiteren Wiener Arbeitern wegen angeblichen Hochverrats in Berlin hingerichtet. Nur einer der Mitangeklagten kommt mit seinem Gnadengesuch durch und kann als Einziger überleben. Am 2. März 1943 schreibt Josef Baldermann seinen Abschiedsbrief an die Familie in Wien, der mit den Worten endet: „Liebste Hermi, liebster Sohn, das letzte Busserl Pepi". Josef Baldermanns Sohn hat bis heute aufbewahrt, was vom Vater geblieben ist: Briefe aus der Haft im KZ Gross-Rosen, Berlin-Moabit und aus der Todeszelle in Plötzensee sowie ein leinengebundenes, vor der Gestapo verstecktes Tagebuch des Vaters. Objekte des Alltags, wie Schneebrillen, Eispickel, Fotos vom Bergsteigen und mit Sportlern  des Arbeiter-Athletikklubs. Die Dokumente erzählen vom Leben und von Idealen eines Mannes und seiner Familie, bis sie durch das nationalsozialistische Verfolgungsregime an das existentielle Extrem gebracht werden. Denn „es geht immer darum, dass man die Geschichten der Menschen erzählt, nicht nur das schreckliche Ende." (Martin Pollack) 2 Eine Leerstelle bleibt: Josef Baldermann besitzt kein Foto, auf dem seine Eltern zusammen abgebildet sind. Deshalb klebte er zwei ihrer Bilder zusammen - zur Erinnerung.

1  Marianne Enigl: Baldermann. Wien 1903 - Berlin/Plötzensee 1943. Eine Arbeitergeschichte im Roten Wien. Wien: Mandelbaum Verlag 2017, S. 17

2  https://www.profil.at/oesterreich/marianne-enigl-josef-anton-baldermann-arbeitergeschichte-8016309 (02.06.2017)