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Ausgabe 113

Mit dem Zeichenstift zum Zeugen der Geschichte

Heimo Halbrainer


Claude Bessone (Hg): Bil Spira. Vom Roten Wien zu den französischen Internierungslagern.

Aus dem Französischen übersetzt von Thomas Klinkert

Berlin: Erich Schmidt Verlag 2016

187 Seiten, gebunden, Euro 51,20

ISBN 978-3-503-15593-4

Als in der Reihe Antifaschistische Literatur und Exilliteratur 1997 Bil Spiras Autobiografie Die Legende vom Zeichner. Wien-Vernet-Gross-Rosen-Paris erschien, fanden sich neben Zeichnungen für die Arbeiter-Zeitung in Wien oder für die von Friedrich Torberg im Pariser Exil herausgegebene Österreichische Post auch einige Zeichnungen aus den französischen Internierungslagern Damigny und Le Vernet. Claude Bessone ist es zu verdanken, dass nun zur Legende vom Zeichner, dem packenden Lebensbericht, den Spira bereits Anfang der 1980er Jahre verfasst hat und von dem auch im vorliegenden Buch Auszüge abgedruckt sind, nun rund 100 Zeichnungen aus den Lagern in Frankreich 1939 bis 1942 der Öffentlichkeit zugänglich sind. 

Der 1913 in Wien als Wilhelm Spira Geborene fertigte schon als 16-Jähriger Theaterzeichnungen für das Kleine Blatt und politische Karikaturen für die Arbeiter-Zeitung an. Nach dem Studium an der Wiener Kunstgewerbeschule wurde er Redakteur des Sonntag und schuf Bühnenbilder und Programmhefte für diverse Kabaretts; u.a. für Jura Soyfers Weltuntergang im ABC. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste der Sozialist und Jude Spira Wien verlassen. Er ging nach Paris, wo er bereits Mitte der 1930er Jahre einige Zeit gelebt hat. Mit Kriegsbeginn wurde er, wie all die anderen Österreicher und Deutschen - obwohl als Sozialisten, Kommunisten oder Juden vor den Nationalsozialisten aus ihren Ländern geflohen - als politisch verdächtig interniert. Spira kam in das Lager Damigny in die Normandie, wo er u.a. zahlreiche Wiener Künstler und Journalisten wieder traf und sie auch porträtierte. Spira zeichnete aber nicht nur seine Mitgefangenen, sondern auch die Wärter und das „Lagerleben". Im Vorwort zu diesem Buch schrieb Serge Klarsfeld: „Im Universum des Gefängnisses oder des Konzentrationslagers, wo der Fotoapparat kein Existenzrecht mehr besitzt, wird die Rolle desjenigen, der zeichnen kann, schlagartig wieder genauso wichtig wie in den Jahrhunderten, in denen die Fotografie noch nicht existierte." 

So wurde er mit dem Zeichenstift zum Zeugen der Geschichte dieses Lagers, in dem er rund neun Monate interniert war. Im Buch finden sich diese Zeugnisse in Kapiteln wie Eingesperrtsein, In den Baracken, Innenleben, Religionsausübung oder Porträts. Im Juni 1940 kam er frei und ging nach Marseille, wo er den US-Amerikaner Varian Fry traf, der im Rahmen des American Emergency Rescue Committee gefährdeten Personen Papiere organisierte. Spira stellte seine Zeichenkunst für einige Zeit in den Dienst des Widerstands und der Lebensrettung und fälschte Pässe und Visa, um von der Auslieferung an Nazideutschland bedrohten Emigranten bei der Flucht zu helfen. Spira porträtierte hier auch den erst sehr spät als „Gerechten unter den Völkern" geehrten Fry. Nach einer Denunziation wurde Spira erneut festgenommen und zunächst im Lager Brébant in Marseille und schliesslich ab Jänner 1941 in Le Vernet in den Pyrenäen interniert, wo er bis zu seiner Deportation über das Durchgangslager Drancy in Richtung nationalsozialistische Konzentrationslager im August 1942 den „Hunger", die „Erschöpfung", die „Verzweiflung" und den „Tod" aber auch die „Schergen von Vichy", die französischen Wärter der „Vorhöfe der Todeslager", dokumentierte. 

Spira landete in den Aussenlagern von Auschwitz, in Laurahütte und Blechhammer, ehe er gemeinsam mit über 3000 KZ-Häftlingen im Jänner 1945 Richtung Westen marschieren musste. Über die Lager Gross-Rosen, Buchenwald kam er bis nach Theresienstadt, wo er schliesslich die Befreiung am 8. Mai erlebte und wo ihm seine in den deutschen Konzentrationslagern entstandenen Zeichnungen, die er bis hierher mitgenommen hatte, abgenommen und vernichtet wurden. Er kehrte schliesslich nach Frankreich zurück, wo er seinen bereits dreijährigen Sohn erstmals sah und wo er bis zu seinem Tod 1999 als Zeichner arbeitete; u.a. auch für den Schweizer Nebelspalter, für den er schon vor 1938 zeichnete. Sein erster Brief an den Nebelspalter nach der Befreiung lautete: „Bitte entschuldige die lange Pause in meiner Mitarbeit. Ich war deportiert. Hier bin ich wieder und sende in der Beilage mein erstes Blatt seit der tausendjährigen Unterbrechung." 

Der Verdienst dieses Buches ist, dass es einen Blick auf ein vergessenes Kapitel des Exils freigibt; nämlich jene Phase des Widerstands im Rahmen der Fluchthilfe um Fry in Marseille und der Vorgeschichte der Deportationen aus Frankreich, den Internierungen von Verfolgten aus Österreich und Deutschland in französischen Lagern. Warum ein abschliessendes Kapitel zu den „französischen Internierungslagern im Spiegel der Postgeschichte" ins Buch aufgenommen wurde, erschliesst sich dem Rezensenten jedoch nicht.