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Ausgabe 84

Schwarzes Gold und gelber Stern

Mobilitńtsformen galizischer Juden, die in die Ílindustrie investierten

JÚr˘me SEGAL


Gemäss dem Gesetz vom 27. April 1938 verpflichtet, all seinen Besitz zu deklarieren, gab ein 1877 in Galizien geborener Wiener Jude an, Besitzer einer Burg in Schwadorf (Niederösterreich) zu sein.

Der nazistische bürokratische Apparat funktionierte perfekt: Der Jude musste die Summe seiner Lebensversicherung angeben, alle seine Gegenstände aus Edelmetall (wie die Uhrkette oder die Manschettenknöpfe, die er an jenem Tag trug), sowie seine Wertpapiere, die Rentenpapiere und andere Aktiva. An Aktien deklarierte er 50.000.- Reichsmark Anteile an der Steaua flüssige Brennstoffe A.G. - einer Firma, die in Österreich rumänisches Erdöl verkaufte. Im Vergleich zu den anderen angegebenen Beträgen war diese Summe mit Abstand die bedeutendste. Welche Entstehungsgeschichte hatte die Firma, und was waren ihre Verbindungen zu Galizien, das die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung kurz vor dem Zerfall der Österreich-Ungarischen Monarchie verliess? Ermöglichte das galizische Erdöl die Etablierung einer jüdischen Bourgeoisie in Wien, die sich den zeitgenössischen österreichischen Formen des Kapitalismus anpasste?1 Während das Schicksal der armen, gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Wien gekommenen Juden in historischen Aufsätzen sowie in der Belletristik gut dokumentiert ist, wartet die Geschichte der bürgerlichen Juden, die oft ihre Religion ablegten, noch immer auf ihre Darstellung.2

Um den Fall des Hauptaktionärs der Steaua flüssige Brennstoffe A.G. zu untersuchen, werden im Folgenden drei Aspekte diskutiert: die Geschichte des Erdöls in Galizien, die spezifische Form des Kapitalismus, die Bohrungen nach Erdöl im grossen Ausmass ermöglichte, und schliesslich die Frage der Integration der verschiedenen Segmente innerhalb der jüdischen Gemeinde.3 

 

Panoramablick von Borys´┐Żaw, kein Datum. Quelle: Polnische Nationalbibliothek, Nationale Digitale Bibliothek Polona, Polen. Abb.: Mit freundlicher Genehmigung J. Segal.

Galizisches Erdöl

„An vielen Orten ist die Erde schwarz und voll von brennbarem Material. Schieferstein, braun, gelb oder schwarz gefärbt, kann wie Pech angezündet und mit einer Stichflamme verbrannt werden. Alle Ströme sind mit einem dünnen schillernden Film bedeckt und manchmal, besonders an Tagen grosser Hitze, ist die Atmosphäre voll von einem so durchdringenden Geruch, dass einige Leute die Symptome der Vergiftung fühlen. [...] Immerhin hat der „Ölrausch", dem „Goldrausch" folgend, die Vereinigten Staaten so dramatisch verändert, hat zu Städten geführt, die aus dem Nichts auftauchten, enormen Reichtum geschaffen und zur Entstehung neuer Industrien geführt. Auch die von amerikanischen Ingenieuren angeleiteten Galizier jagten den Ressourcen Petroleum, Erdwachs und Ozokerit nach. Der jährliche Ertrag wuchs auf das Dreissigfache: 1866 betrug er bereits 50.000 Tonnen. Borys´┐Żaw, ein kleines Dorf , weniger als 10 km Südwest von Drochobycz [sic] im Dnestr-Becken, war das erste Asphaltzentrum. Innerhalb einiger Monate verwandelte es sich in einen Bienenstaat mit 20.000 Einwohnern, in ein Labyrinth von Häusern, Baracken und merkwürdigen Baugerüsten, in dem es von einer kosmopolitischen Bevölkerung von Polen und Ungarn wimmelte. In der Mitte dieses Labyrinths von Wegen und Baracken waren mehr als 5.000 Bohrlöcher mit einer durchschnittlichen Tiefe von 40 Metern in den Boden gegraben worden. Die Arbeiter atmeten die Luft ein, die von hydriertem Gas und Pumpenöl durchtränkt war. Eine an ihren Gelenken befestigte Leine ermöglichte ihnen die schnelle Flucht, wenn sie den Eindruck hatten, zu ersticken. Später [...] kam eine Menge von Bergarbeitern dorthin, um die Flüssigkeit aus den Geysiren zu sammeln, die - so wurde gesagt - eine ähnliche Flüssigkeit wie die Schächte in Pennsylvania lieferten. Viele Täler in den Karpaten, deren unberührte Wälder nie einen Reisenden gesehen hatten, wurden plötzlich von Horden an Ausländern überfallen, die Bäume abholzten, Bohrlöcher gruben, Häuser und Gasthäuser bauten. Es war wie eine Revolution." (Reclus 1878, S. 405).

Diese sorgfältige Beschreibung des Abbaus von Mineralwachs und Öl stammt aus der Nouvelle géographie universelle, verfasst von Elisée Reclus (1830-1905), einem der grössten Geographen seiner Zeit. Der Text bietet eine sehr frühe Darstellung, Ende der 1870-er Jahre. Das Mineralwachs wurde seit 1850 abgebaut, zunächst für die Verwendung zu Beleuchtungszwecken. Der Nordbahnhof von Wien war das erste Gebäude, das mit Lampen beleuchtet wurde. Das dafür Ende 1858 verwendete Mineralwachs kam aus Galizien (Kos et Dinhobl 2006).

Hinsichtlich der Bevölkerung dieser Region, bald Galizisches Pennsylvania genannt, bemerkte Elisée Reclus:

Fast die Hälfte aller österreichischen Juden leben in Galizien und der Bukowina und, da die Mehrheit ihrer Glaubensgenossen aus Polen und Russland in den angrenzenden Bezirken konzentriert ist, können wir wirklich diese Region Zentraleuropas als jüdisches Land schlechthin betrachten, mehr noch als Palästina oder andere Regionen der Welt. Das ist die Mitte des Spinnennetzes, das über den Kontinent gesponnen wurde. [...] In Drochobycz [dem Herz der erdölproduzierenden Region; Anm. J S.], stellen sie die Mehrheit. (Reclus 1878, S. 400)

Die beiden Haupteigenschaften des habsburgischen Kronlandes, des Königreiches Galizien und Lodomerien - Verfügbarkeit von Erdöl sowie starke Konzentration von Juden, wurden bereits sehr früh miteinander verquickt - vor allen in antisemitischen Pamphleten. Die Schriften von Saul Raphael Landau (1870-1943) hingegen vermitteln einen Eindruck von der Arbeitswelt in dieser Region, die ab 1909 nach den Vereinigten Staaten und Russland die drittgrösste erdölproduzierende Region der Welt werden sollte. Das dritte Kapitel von Landaus Buch Unter jüdischen Proletariern ist der Stadt Borys´┐Żaw (heute Ukraine) gewidmet, die als gigantisches Ödland beschrieben wird, wo ein undefiniertes Lattenwerk von Dielen die auf verschiedenen Ebenen gebauten Baracken verbindet - alles in einem miserablen Zustand (Landau 1898). Landau zufolge war die Mehrheit der 9.000 Bohrarbeiter Juden, selbst wenn einige Aufgaben speziell für die Ruthenen oder Masuren reserviert waren.4 Die Entwicklung des Zionismus wird als Reaktion auf die extremen Bedingungen dargestellt: Zwölf Stunden Arbeit pro Tag, sechs Tage in der Woche, mit einem hohen Anteil an Kinderarbeit.5

Wenn Reclus die Anwesenheit von amerikanischen Ingenieuren erwähnt, ist damit eigentlich die Arbeit von William Henry McGarvey, einem ehemaligen Kanadier, und John Simeon Bergheim, einem späteren Engländer, der sogar in Palästina geborenen wurde, gemeint. McGarvey und Bergheim verbesserten die Rentabilität der Ölbohrungen wesentlich, dank eines wichtigen Technologieimports, der in der Werbung ihrer Firma Galizische Karpaten-Petroleum Aktien Gesellschaft erwähnt wurde. Mit Stolz betonten sie die Nutzung des kanadisches Systems und der Kräne mit dem galizisch-kanadischen Rotations-system.6 Andere Firmen wurden offensichtlich von jüdischen Unternehmern betrieben, wie der Blick auf die Namen zeigt, die in den Zeitschriften jener Zeit erwähnt sind. Dieser Eindruck wird auch durch die Mitglieder verschiedener Geschäftsführungen bestätigt, die detailliert in den einzelnen Bänden des Compass aufgelistet sind.7 Alison Frank schrieb, „die Eigentümer von diesen kleinen Firmen (... seien] überwiegend jüdisch" gewesen (Frank 2007, 164). Es ist daher durchaus verständlich, dass die Drohobyczer Zeitung, die sich hauptsächlich mit dem Ölgeschäft beschäftigte, in deutscher Sprache, mit hebräischen Buchstaben (wie Jiddisch), veröffentlicht wurde.8

 

Gruß aus  Borys´┐Żaw, kein Datum, Quelle: Polnische Nationalbibliothek, Nationale Digitale Bibliothek Polona, Polen. Abb.: Mit freundlicher Genehmigung J. Segal.

„Kosmopolitischer" Kapitalismus - auch jüdisch?

Die Verbindungen zwischen Judentum, Kosmopolitismus und Kapitalismus sind schwierig zu analysieren, da dieses heikle Thema in der antisemitischen Rhetorik benutzt wird. Oft wurden in Karikaturen Tiere zur Darstellung von Phänomenen verwendet, die als feindlich wahrgenommen wurden. Ausser der bedrohlichen, von Reclus 1878 (Zitat wie oben) verwendeten Spinnennetz-Metapher finden wir in der Presse den Oktopus, der Standard Oil , das von John D. Rockefeller gegründete Unternehmen symbolisiert: Die acht Fangarme graben weltweit um Ölreichtum (Frank 2009, 27). In Wien kämpfte die Regierung 1909 während des Petroleumkrieges gegen die Vacuum Oil Company, die Schwesterngesellschaft von Standard Oil, die in der Monarchie fest verwurzelt war - nicht nur in Galizien, sondern auch in Schlesien. Eine alltagspolitische Form von Antisemitismus, geschürt vom Wiener Bürgermeister Karl Lueger (1844-1910), propagierte die Idee, Juden seien für die negativen Auswirkungen des Kapitalismus verantwortlich. Wie George Steiner uns erinnert, war es im Österreich des Jahres 1906, als der erste Freizeitklub mit Stolz verkündete, er sei „frei von Juden".9

Mit mehr als 8 Millionen Einwohnern war Galizien 1914 die am stärksten besiedelte der elf Provinzen Cisleithaniens. Ihr multiethnischer Charakter wurde schon im ersten Reiseführer betont, der über die Region im selben Jahr veröffentlicht wurde. Nationalitäten und Religionen wurden dort eingesetzt, um die Eigenschaften der Bevölkerung zu beschreiben: „58,6% Polen, 40,2% Ruthenen, und 1,1% Deutsche, neben „46,5% Römisch Katholiken, 42% Griechisch Katholiken, 0,5% Protestanten und 11% Israeliten" (Orlowicz et Kordys, S.1). Der Reiseführer hebt die Tatsache hervor, dass Galizien eine der am dichtesten besiedelten Regionen Europas, aber auch Kulminationspunkt der Emigration war - mit einer halben Million abwandernder Menschen pro Jahr, selbst wenn die Entwicklung der Ölindustrie hoffen liess, ausländische Firmen und Investitionen könnten angezogen werden (wie beispielweise die Compagnie commerciale française, die Société anonyme belge des pétroles de Galicie, und ihre Kontrahenten aus Rumänien, den Niederlanden und Grossbritannien).

Monte Carlo - Oleks, kein Datum. Quelle: Polnische Nationalbibliothek, Nationale Digitale Bibliothek Polona, Polen. Abb.: Mit freundlicher Genehmigung J. Segal.

Um den multiethnischen Aspekt Galiziens zusammen mit der Identität der Erdölunternehmer zu analysieren, erwiesen sich die verschiedenen Editionen des Compass als sehr nützlich. Sie legen die Struktur aller Firmen offen, die in die Ölgeschäfte in Galizien involviert waren. Im Jahr 1920 gab es mindestens 200 solche Unternehmen mit Hauptsitz in Wien. Bei einem Vergleich mit dem Verzeichnis der Manager dieser Firmen ist auffällig, wie viele Juden in den verschiedenen Gremien präsent waren. Sie waren nicht nur ins Ölgeschäft, sondern auch in Holzhandel und Textilindustrie involviert. Die vollständigste Quelle für die Bestätigung dieser Analyse sind die oben erwähnten Angaben über den Besitz der Juden in Österreich vom Jahr 1938. Alle Juden, die zum Stichtag, dem 27. 4. 1938, mehr als 5.000 Reichsmark besassen, mussten ein Vermögensverzeichnis ausfüllen.10 Die Österreichische Historikerkommission, 1998 eingerichtet und besonders mehr mit Fragen der Restitution beschäftigt, publizierte ihre Forschungsarbeiten in mehr als dreissig Bänden. Einer davon ist besonders interessant, da er auf den statistischen Analysen der jüdischen Aktiva in Wien im Jahr 1938 beruht (Pammer 2003). Ungefähr ein Viertel der 190.000 Personen umfassenden jüdischen Bevölkerung füllte diese Formulare aus. Unter den befragten Personen hatten nicht weniger als 16,2% den Doktortitel oder ein Ingenieursdiplom (Pammer 2003, 58-62). Die Mobilien stellten 14% der deklarierten Güter dar - eine hohe Zahl im Vergleich mit dem Rest der Bevölkerung (ibid. p. 125).11 

Die Ankunft in Wien und die Frage der Integration

Es scheint, dass die Regierung in Wien nie so recht die Wichtigkeit der Regulierung der Ölproduktion in Galizien verstand. Die relative Autonomie, die Galizien zugestanden wurde, erklärt die konfuse Situation, die von den durch Borys´┐Żaw Reisenden beschrieben wurde: Bohrtürme überall, mangelhafte Sicherheitsbedingungen aufgrund der Konkurrenz zwischen Bohrlöchern, die die gleiche Bodenschicht erschlossen - und auch die angespannten Verhältnisse, ganz zu schweigen von den Konflikten zwischen den Völkern, den politischen Parteien und den religiösen Gruppen.12 Wie Alison Frank feststellt, konnten nicht weniger als fünf Minister rechtlich in verschiedenen Aspekten des Ölgeschäfts intervenieren. Ihr Querverweis zum „Bürokretinismus" (ein von Karl Kraus geprägter Begriff), fasst gut die Inkompetenz der imperialen Politik in dieser Hinsicht zusammen (Frank 2009, S.24).

Trotzdem ist zu beachten, dass - abgesehen von der Tatsache, dass die geförderten Ölmengen seit 1910 abnahmen - die internationale Situation nicht vorteilhaft für Modernisierungsprogramme war. Obwohl viele Juden vor den Pogromen Ende des 19. Jahrhunderts flohen, kamen jene, die in das Ölgeschäft involviert waren, in der Regel erst später nach Wien: Als die Russische Armee 1915 nach Galizien eindrang, bzw. nachdem Polen im November 1918 seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Das Pogrom in Lemberg, der Hauptstadt Galiziens, 65 Kilometer nördlich von Drohobycz (heute Drohobytsch, Ukraine) bedeutete für sie das Ende aller Hoffnungen auf Rückkehr. Zwischen dem 21. und 23. November 1918 wurden mehr als 150 Juden verfolgt und ermordet, weil ihnen unterstellt wurde, sich mit den Ukrainern verbrüdert zu haben. Joseph Roth resümiert in seinem berühmten Buch Juden auf Wanderschaft:

„Die Juden widerlegten das Sprichwort, das da sagt, der Dritte gewänne, wenn zwei sich streiten. Die Juden waren der Dritte, der immer verlor" (Roth 1927, S.19).

Was erwartete die Juden, die in die galizische Ölförderung investiert hatten, und nun nach Wien kamen? Klaus Hödl beschreibt treffend die Situation jener bemitleidenswerten Juden, die in der Tat die Mehrheit der aus Galizien nach Wien einwandernden Juden darstellten. Marsha Rozenblit erforschte ihrerseits noch ausführlicher die Identität dieser Migranten. Hingegen ist die Geschichte der sogenannten Grossindustriellen nach wie vor grösstenteils unbekannt (Hödl 1994; Rozenblit 1984). Von den 150.000 Juden, die in Wien zu dieser Zeit lebten, stammte ein Viertel aus Galizien. Wie allgemein bekannt, war das jüdische intellektuelle Leben lebendig und pulsierend, wie die 150 jüdischen Tages- und Wochenzeitungen belegen, die in der Reichshaupt- und Residenzstadt publiziert wurden. Dem allseits bekannten Witz folgend, der besagt, dass der Unterschied zwischen einem Schneider und einem Psychiater eine Generation darstellt, waren die Juden in Wien laut der Bevölkerungszählung von 1934 zweifellos in einigen Berufen überrepräsentiert: Sie stellten 86% der Anwälte, 52% der Ärzte und über 70% der Geschäftsleute im Textilsektor (Glockemeier 1936). Schon 1927 beobachtete Joseph Roth in seiner Beschreibung der Leopoldstadt dieses „freiwillige" Ghetto, in dem man jeden Tag „Kaufleute und Hausierer, die aus der Stadt hinausgingen", aber auch „Börsenmakler und Geschäftsleute" sehen konnte (Roth 1927, S.53).13 Er fügte hinzu dass es dort nach Zwiebeln, Heringen, Spülwasser und Abfall gerochen habe - und nach „Petroleum, das immer noch hauptsächlich für die Beleuchtung verwendet wird" (Ebd., S.61).

Das Kaleidoskop von Personen, Parteien und Religionen konnte die Frage nach der jüdischen Identität nur verschärfen. Ihre unterschiedlichen Aspekte spiegelten sich in den verschiedenen Zeitschriften wider, von denen jede für einen spezifischen Aspekt der jüdischen Identität eintrat: eine für die Zionisten, eine für die Beschützer der „jüdischen Nationalität", eine für die sozialistischen Zionisten von Poale Zion, eine für die orthodoxen Juden usw. In Bezug auf die Wirtschaft war das Buch Die Juden und das Wirtschaftsleben von Werner Sombart (1863-1941), das von Webers Arbeit über die Rolle des Protestantismus für die Entstehung des Kapitalismus inspiriert war, Gegenstrand vielfältiger Kritik (Sombart 1911). Der Autor ortet eine Verbindung zwischen der jüdischen Fähigkeit, den Wohnort zu wechseln und der modernen Eigenschaft des Kapitalismus (Sombarts Neologismus), Investitionen zu diversifizieren.14 Landau, der sich 1898 für das jüdische Proletariat in Borys´┐Żaw interessierte (siehe oben), publizierte in seiner neuen National-Zeitung einen sehr langen und sehr positiven Bericht von Sombarts Arbeit und bestand auf der rationalistischen Dimension des Judaismus (Anin 1911).15

Die offizielle Repräsentantin der Juden, die Israelitische Kultusgemeinde Wien, wurde zum Gegenstand scharfer Kritik wegen ihrer Verbeugung vor den Alldeutschen. In den 1920er Jahren veröffentlichte die Zeitung der sozialistischen Zionisten Unsere Tribüne jede Woche mit Stolz die Listen all jener, die die Kultusgemeinde verlassen hatten. Joseph Samuel Bloch (1850-1923), der Chefredakteur der renommierten Zeitschrift Dr. Blochs Österreichischen Wochenschrift, wurde von dieser offiziellen Vertretung nicht erfasst, da Bloch als Pole betrachtet wurde. Viele Wiener Juden sahen ihre Glaubensbrüder aus dem Osten und Nordosten als Gefahr: das Bild des erkennbaren Juden mit Kaftan und Schläfenlocken, der angeblich unfähig war, sich dem modernen Leben anzupassen. Um dieses Phänomen zu beschreiben, erfand Nathan Birnbaum während des Zionistischen Kongresses in Basel 1897 den Begriff Ostjuden. Schon 1916 widmete Dr. Bloch den verschiedenen geplanten Lösungen, die in etwa 800.000 geschätzten galizischen Juden zu fördern, jede Woche einen Artikel. Die beiden hauptsächlich diskutierten Punkte betrafen die Frage eines Darlehens, das von allen offiziell anerkannten jüdischen Gemeinden finanziert werden sollte, sowie den Kampf gegen die jüdischen religiösen Schulen (hebr. Chedarim). Der Autor verlangte nicht weniger, als dass ausschliesslich die öffentlichen Schulen als verpflichtende Bildungseinrichtungen anerkannt werden sollten (Stern 1916).

Von 1901 bis 1923 erschien in Wien eine Zeitschrift mit dem Titel Ost und West, die sich mit dem Verständnis zwischen den Juden des Westens, den assimilierten Westjuden, und den Ostjuden beschäftigte.16 Die galizischen Juden, die dank des Öls reich geworden waren, sollten eine besondere Rolle spielen, indem sie als Paradigma für soziale Mobilität dienten. Deshalb schenkte Dr. Blochs Zeitschrift, die den Untertitel Centralorgan für die gesammten Interessen des Judenthums trug, der Erstellung von Listen all jener Juden, die vom österreichischen Kaiser ausgezeichnet worden waren, besondere Aufmerksamkeit. In der Nummer vom Mai 1917 lesen wir auf Seite 7 in der Liste der Empfänger besonderer Auszeichnungen für ihre Bemühungen während des Kriegs, dass Arnold Segall (sic) mit dem Verdienstkreuz für Beamte zweiter Klasse ausgezeichnet wurde. Diese Nachricht wurde von der Zeitschrift Rohölindustrie in ihrer Juni-Ausgabe aufgegriffen. Segal war Repräsentant der Region Drohobycz für den Verband der Rohölproduzenten. Die Frage stellt sich, in welchem Ausmass seine Karriere für die damaligen Verhältnisse repräsentativ war.

Der Fall Arnold Segal

Arnold Aron Segal wurde in Drohobycz, Ostgalizien, am 30. August 1877 geboren. Seine Eltern stammten aus Bolechow (heute Bolechiw, Ukraine), 30 Kilometer süd-östlich von Drohobycz und 80 Kilometer südlich von Lemberg.17 Arnold heiratete Ida Strisower, die Tochter von Julius Strisower, einem Angestellten der Filiale der Österreichisch-Ungarischen Bank in Jaroslau (heute  Jaros´┐Żaw, Polen) im polnischen Teil Galiziens. Gemeinsam hatten sie drei Kinder: Erna, Stanislas und Heinrich - geboren 1907, 1908, und 1911.

Arnold Segal (1877-1944). Quelle: Privatarchiv. Mit freundlicher Genehmigung J. Segal.

Auf der Grundlage der Verzeichnisreihe Compass ist es möglich, Segals berufliche Karriere ziemlich genau nachzuzeichnen, da dort nicht nur die Funktionen der Industriellen, sondern auch die Zusammensetzung der Aktiva und die Geschichte der Firmen nach Sektoren und Kronländern aufgelistet sind. Zu Beginn, im Jahre 1909, versuchte der Bankier Julius Strisower sein Kapital durch Investitionen in das Holzgeschäft, das insbesondere Eisenbahnschwellen herstellte, zu diversifizieren. Zu diesem Zeitpunkt beschränkte sich Arnold auf sein Engagement in Öl produzierenden Firmen in Galizien. Seine Verpflichtungen im Verband der Rohölproduzenten führten ihn bald nach Wien. Die Familie Segal lebte dort seit 1916, spätestens im Jahr 1920 kann Arnold als Generaldirektor von zwei ölproduzierenden Firmen in Borys´┐Żaw angesehen werden: der „Lifschütz & Co Naphta Ges.m.b.H." und der „Seghard-Czaszim Naphtaproduktionsges. m.b.H.".

Interessant ist, dass Arnold nach Ende des Ersten Weltkrieges die polnische Staatsbürgerschaft erhielt. Danach kämpfte er gegen die Bürokratie, um österreichischer Staatsbürger zu werden, und siegte schliesslich. Deutsch war seine Muttersprache, aber er verstand auch Polnisch. Die Familie Segal praktizierte den Glauben nicht - auf keinen Fall wäre Arnold mit Ostjuden verkehrt. Er beschäftigte sich vielmehr mit seiner Integration in die Geschäfte der Mittelklasse und kaufte im Jahr 1926 die Burg Schwadorf in Niederösterreich. Leider wurde die Burg im nächsten Jahr durch das grösste Erdbeben Österreichs im 20. Jahrhundert schwer zerstört (Mastal 2007; Langwieser 1953). Der Reichtum der Familie wuchs schrittweise, immer aufgrund des Öls: Arnold war nun Chef eines kleinen Betriebs, der Pet-roleum von der Firma Steaua Romana bezog und in Österreich verkaufte. Steaua Romana war der grösste rumänische Staatsbetrieb und hatte 1923 eine Filiale in Österreich aufgemacht, auf deren Grundlage die unabhängige Firma Steaua Romana Flüssige Brennstoffe AG entstand.

In den 1920er Jahren interessierte sich Arnold für neue Technologien, zweifellos realisierend, dass der Verlust Galiziens ihn für sein Geschäft in Österreich vollständig von rumänischem Öl abhängig machte. Er investierte in die ersten Kunstseidefabriken - eine Branche, die zur Textilindustrie zählte, und in der Juden prominent vertreten waren. Er war auch weiterhin in der Ölindustrie aktiv, da Kunstseide Erdölprodukte beinhaltet. Die Ausgabe des Compass von 1930 listet vier Funktionen für Arnold auf: zwei in der Ölindustrie, eine in der böhmischen Kohleförderung und eine in der Produktion von Kunstseide. Er war Präsident der Kleinpolnischen A.-G. für Petroleumindustrie und Vorstandsmitglied der Mineralölgewinnungs- u. Handels A.-G. in Prag. Er war auch Vizepräsident der Kunstseidenspinnerei Senica in Böhmen. Das Unternehmen wurde gemäss österreichischem Recht von 1920 gegründet, mit Kapital aus Frankreich, Grossbritannien und der Tschechoslowakei. Kunstseide wurde in einem ähnlichen Prozess wie Viskose hergestellt und der Verkauf gemeinsam mit der Ersten böhmischen Kunstseidenfabrik A.-G. in Theresienthal abgewickelt.

Die Familie Segal pendelte zwischen der Burg in Schwadorf und den vornehmeren Bezirken in Wien, wo sie eine Wohnung im dritten Bezirk hatte. Zusätzlich leistete sich Arnold die Vorzüge eines Büros in der Naglergasse am oberen Ende des Grabens. Während der Vater seine Geschäfte in Böhmen machte, lebten die zwei ältesten Kinder in Grossbritannien, wo sie Englisch lernen sollten. Der jüngere Sohn, Heinrich, studierte an der Hochschule für Welthandel in Wien, der Vorgängerin der heutigen Wirtschaftsuniversität, und schloss sein Studium 1932 ab.18 Vier Jahre später schien er als Angestellter jener Firmen auf, die von seinem Vater gegründet worden waren: Er war Prokurist bei Steaua Flüssige Brennstoffe A.G., dessen einziger Aktionär sein Vater geworden war, und unter dem Vornamen „Henrik" hatte er die gleiche Position in der Ersten Böhmischen Kunstseidefabrik A.-G. in Hohenelbe in Böhmen (heute Vrchlabí, Tschechische Republik) inne.

1938 passierte alles gleichzeitig. Die deutschen Truppen wurden mit beispielloser Begeisterung in Österreich begrüsst und weniger als ein paar Wochen später wurden alle Juden aufgefordert, ihren ganzen Besitz bekannt zu geben. Der „Industrielle" Arnold Segal war einer von jenen 13,4% der Auskunftspersonen, die über einen Doktortitel verfügten und vom Kaiser für seine geleisteten Verdienste für das Land ausgezeichnet worden waren. Aber all dies war vergebens (Pammer 2003, 58). Schon im April wurde Arnold von der Gestapo verhaftet und die Burg Schwadorf von Quartiertruppen requiriert. Es gelang Arnold, mit Frau und Sohn nach Prag zu fliehen. In der ersten Zeit fand die Familie in Hohenelbe Unterschlupf, wo die Kunstseidenfabrik in vollem Betrieb stand. Kurz darauf floh sie nach Paris, wo Arnold über gute Kontakte verfügte. Heinrich deklarierte sich als staatenlos und trat der Fremdenlegion bei. Seine Eltern versteckte er in einem Hotel nahe Grenoble. Nach seiner Abrüstung 1941 fand er Anstellung als „ausländischer" Arbeitnehmer bei der Société nationale de la Viscose d"Echirolles (in Isère), der so genannten La Viscose (Blondé 2008). Heinrich nannte sich selbst Henri - jener Name, den er ausschliesslich verwendete, seit er sich dem Widerstand als Mitglied der Gruppe Combat im Winter 1942/43 angeschlossen hatte. 1944 leitete er eine Untergrundgruppe von zwölf Männern in Grésivaudan. Im Untergrund heiratete er Jacqueline Lévy, eine Angestellte der Viskosefabrik, die ihm geheime Informationen weitergab. Obwohl Arnold Segal im August 1944 starb, wurde sein erstes Enkelkind Jacques ein paar Stunden nach Hitlers Selbstmord geboren. Das Leben konnte wieder beginnen - ein Leben, das indirekt vom galizischen Öl gerettet worden war.

Jérôme Segal, Assistant Professor an der Universität Paris-Sorbonne, ist derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisciplinary Centre for Comparative Research in the Social Sciences (ICCR) in Wien. Der Autor dankt Claudia Erdheim, Ingo Harr, Klemens Kaps, Ian Mansfield und Markus Priller.

  

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1   Das kürzlich veröffentlichte Buch von Alison Frank hat eine wesentliche Rolle gespielt, ein besseres Verständnis über das Öl in Galizien zu bekommen, auch wenn andere eher technische oder mit der Ethnologie verbundene Aspekte bereits in nützlichen Publikationen behandelt worden waren (Anonym 1898; Erdheim 2004; Frank 2007; Kitai 1959; Loewenherz 1916; Muck 1903; Perutz 1880; Sozantildeski et al. 2006; Szajnocha 1905).

2   Joseph Roths Texte sind natürlich erhellend (Roth 1927, 53-65) und im Bereich sozialgeschichtlicher Studien wurden aus der Fülle von zugänglichen Quellen die Arbeiten von Klaus Hödl, Marsha Rozenblit und Ruth Beckermann herangezogen (Hödl 1994; Rozenblit 1984; Beckermann 1984).

3   Für diesen Zweck wurden heterogene Quellen verwendet: Abgesehen von wissenschaftlichen Quellen kann der Roman von Claudia Erdheim als eine brillante Fallstudie betrachtet werden und ihr Wissen über die Drohobyczer Zeitung (in Hochdeutsch geschrieben, aber in hebräischen Buchstaben gedruckt) hat sich als unbezahlbar erwiesen (Erdheim 2006). Ausserdem wurden die jährlichen Geschäftsverzeichnisse der Serie Compass sowie die Verzeichnisse der Israelitischen Kultusgemeinde Wien konsultiert. Zwei Fachzeitschriften, die sich dem Ölgeschäft widmeten, Petroleum (1914-1938) und Rohölindustrie (1910-1938) wurden ebenfalls durchgesehen. Andere Zeitschriften, die online zugänglich sind, lieferten nützliche kontextuelle Informationen (118 von 150 jüdischen Zeitschriften, die zu jener Zeit bestanden, sind vollständig eingescannt und unter http://www.compactmemory.de/ einsehbar und die meisten der Tages- und Wochenzeitungen können in der Österreichischen Nationalbibliothek unter http://anno.onb.ac.at/ gefunden werden).

4   Ozokerit wurde oft als „jüdische" Substanz bezeichnet: „native paraffin (ozokerite), which is also called Jewish wax (...)" (Sozantildeski et coll. 2006, 878).

5   Siehe: „Kinder- und Frauenarbeit beim Bergbau", Rohölindustrie, Jänner 1912, 12, S.227.

6   „Kombinierte galizisch-kanadische Rotationskräne" (Petroleum, Bd. X, Nr. 23, 1. September 1915, S.928).

7   Alle Unternehmen sind in absteigender Reihenfolge entsprechend ihres Produktionsausstosses in den einzelnen Ausgaben der Rohölindustrie aufgelistet (siehe beispielsweise April 1911, 3, S.46 oder Februar 1912, 1, S.12). Für frühere Jahre siehe auch die Liste von 224 Unternehmen (Anonym 1898, S.29-35).

8   Unseres Wissens ist Claudia Erdheim die einzige Person, die diese Zeitung erforscht hat, die von dem allseits bekannten Verleger Aron ´┐Żupnik herausgegeben wurde. Die Zeitung, die eine aufgeklärte Ansicht vertrat, wurde 1883 gegründet und legte ihren Schwerpunkt auf internationale Nachrichten, Symptome des Antisemitismus, das Alltagsleben in der Monarchie - und natürlich auf alle Nachrichten, die mit Öl in Zusammenhang standen. Eine andere Zeitschrift, auf Deutsch und Polnisch, beschäftigte sich mit dem Ölgeschäft seit 1897: Naphta (Anonym 1898, S.4).

9   Der Ausdruck „judenrein" wurde von einem Radfahrerklub in Linz verwendet, war allerdings bereits in den 1890er Jahren in studentischen Burschenschaften geläufig. Kürzlich wurde eine Studie über Antisemitismus in den Tourismuszentren vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg veröffentlicht (Bajohr 2003).

10   Laut den Historikern der Österreichischen Historikerkommission entsprachen 5.000 Reichsmark 25.000 Euro im Jahr 2002 (Felber et al. 2005, S.18).

11   Eine zweibändige Arbeit dieser Serie untersucht die Ökonomie, die Arisierung und verschiedene Wirtschaftssektoren. Leider fehlt das Ölgeschäft vollkommen. Dasselbe gilt für die offizielle Geschichte der österreichischen Wirtschaft (Jetschgo, Lacina, and Pammer 2004).

12   Siehe beispielsweise den Artikel "Blutige Wahlen in Drohobycz - Viele Tote und Verwundete", Neue Freie Presse, 20. Juni 1911, S.3. Darin heisst es: „Der polnische Nationalrat hat in dieser ostgalizischen Stadt den früheren Abgeordneten Dr. Loewenstein als offiziellen Kandidaten aufgestellt, ihm standen ein allpolnischer, ein zionistischer und ein sozialdemokratischer Bewerber gegenüber. (...) Drohobycz liegt in der Nähe der Boryslawer Erdölgruben, und der schärfere Zug des Erwerbslebens, den der grosse Industriezweig mit sich bringt, wie das Zusammenströmen grosser Massen mag diese Stadt zu einem besonders heissen politischen Boden machen". Die ausländische Presse interessierte sich ebenfalls für die Gewalt und am 21. Juni berichtete die Times von 18 Todesfällen.

13   Jospeh Roth schreibt: „Die Söhne und Töchter der Ostjuden sind produktiv. (...) Die Jungen sind die begabtesten Anwälte, Mediziner, Bankbeamten, Journalisten, Schauspieler." (Roth 1927, S.54).

14   „Das ist Ja die Eigentümlichkeit, die unsere Industrie immer mehr ausprägt: dass ihre Leiter beliebig die Branche wechseln können, ohne ihre Tüchtigkeit zu vermindern, weil eben alle Schlacken der technischen Besonderheit abgefallen sind und das reine Gold der nur kommerzial-kapitalistischen Allgemeinheit übrig geblieben ist". (Sombart 1911, 133). Einer der Kommentatoren Sombart war Philipp (Philipp 1929), aber Sombart hat auch 80 Jahre später seine Aktualität nicht verloren (Slezkine 2004).

15   1919 erschien in der Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden eine detaillierte Studie über die soziale und berufliche Verteilung der Juden in Österreich (Tennenbaum 1919).

16   Ein Artikel von 66 Seiten bezüglich der „Ostjudenfrage" wurde in zwei aufeinanderfolgenden Ausgaben, im Februar und dann im April 1916, publiziert. Siehe auch den 1923 gedrehten Film Ost und West von Sidney M. Goldin und Ivan Abramson.

17   Die Geschichte von Bolechow (auch Bolechów, Bolechiv) ist seit dem Bestseller über die Familiensaga der Mendelsohns allgemein bekannt (Mendelsohn 2007).

18   Die Archive der Universität bewahrten die Noten der Studenten auf, die sie für ihre Kurse erhielten.