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Ausgabe 84

Ruf gegen das Vergessen

Zur Erinnerung an Josef Burg und „den guten bukowinischen Geist“

Claus STEPHANI


Er kam aus der versunkenen, verlorenen und heute beinahe schon vergessenen Welt des ostjüdischen Schtetls, aus der alten Kulturlandschaft Bukowina, die damals noch ein Kronland der Habsburger-Monarchie war. Heute erinnern an diese verschwundene Welt und jene Menschen, die sie einst mitprägten und berühmt machten - die ostjüdischen Bauern, Handwerker und Händler, doch auch die grossen, weltbekannten Namen wie Karl Emil Franzos, Joseph Roth, Manès Sperber, Paul Celan, Rose Ausländer und viele andere - meist nur noch wüste Friedhöfe und stumme Ruinen ehemaliger Synagogen.

In Marmatien, der Maramure´┐Ż in Nordrumänien, in Galizien und in der Bukowina, heute Gebiete in der Ukraine, und in anderen historischen Landschaften im Osten Europas ist der lebendige Klang des Jiddischen verstummt. Doch geblieben ist das geschriebene Wort - jene Bücher, die von den Menschen, ihrem Leben und Leiden und ihrem vom Glauben tradierten Judentum erzählen. Diese Stimmen der Schriftsteller erreichen uns auch heute noch über Zeiten und Grenzen hinweg, und sie werden wohl niemals verstummen. Das gedruckte Wort wird weiter bestehen, denn es hat einst auch die Scheiterhaufen in Deutschland überlebt, als man an vielen Orten Bücher verbrannte. Eine jener Stimmen - es ist die eines der letzten grossen ostjüdischen Schriftsteller - ist am 10. August 2009 für immer verstummt, im fernen Czernowitz, der einst glanzvollen Hauptstadt der Bukowina, die heute ukrainisch Tschernivzi heisst. Und an ihn soll nun erinnert werden.

 

Josef Burg. Foto: KOJV-Archiv. Mit freundlicher Genehmigung C. Stephani

Josef Burg wurde am 30. Mai 1912 als Sohn eines Flössers und Holzfällers im damals österreichischen Wischnitz am Tscheremousch, dem heute ukrainischen Wyschnizija, geboren. Zu jener Zeit lebten in dem abgelegenen Flusstal, im malerischen Karpatenstädtchen, der Wiege des Chassidismus, mehrheitlich Juden - nach dem Ersten Weltkrieg, als dieses Gebiet an das Königreich Grossrumänien kam, betrug die jüdische Bevölkerung im Ort 6.300 von insgesamt 6.800 Einwohnern -, zu der kleinen christlichen Minderheit gehörten Ruthenen, Rumänen, Deutsche, Armenier und Polen. Burgs Vorfahren waren, wie viele Juden in jener Gegend der Karpaten, Generationen hindurch Waldarbeiter, Flösser und kleine Handwerker gewesen.

Als Josef Burg zwölf Jahre alt war, 1924, übersiedelte die Familie nach Czernowitz, vorher bekannt als „die östlichste österreichische Universitätsstadt, die man gern auch Klein-Wien nannte", nun Cern´┐Żu´┐Żi unter rumänischer Verwaltung. In seinen Erinnerungen erzählt er, wie seine Mutter vor der Abreise Rabbi Hager bat, ihn, „den klejnen jingatsch Jossele", der nun bald vor seiner Bar Mitzwa stand, zu segnen. Der Rabbiner soll ihr geantwortet haben: „Wozu? Er ist schon gesegnet. Sein Weg ist vom Ewigen vorgezeichnet." Vielleicht war es dieser „vorgezeichnete Weg", der ihn hinausführte aus seinem Heimatort, wo keine zwei Jahrzehnte später, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen 1941, die Massaker begannen und an einem Schabbat, während des G‘ttesdienstes, die grosse Wischnitzer Schul, die Hauptsynagoge, in Brand gesteckt wurde.

In der bukowinischen Hauptstadt, wo 1924 noch 60.000 Juden lebten und 76 Synagogen und Bethäuser standen, besuchte Burg das Gymnasium und erhielt nachher eine Ausbildung als Lehrer im 1919 gegründeten Jüdischen Schulverein. Danach studierte er 1935 bis 1938 Germanistik in Wien, musste dann aber bald, nach dem Anschluss Österreichs, in die Bukowina zurückkehren. Dort blieb er bis 1941, als er vor der anrückenden deutschen Wehrmacht zuerst in die sowjetdeutsche Wolgarepublik, dann nach Samarkand (Usbekistan) und in den Ural flüchten musste. Im Jahr 1959 kehre er schliesslich wieder nach Czernowitz zurück, das nun zur Ukrainischen Sowjetrepublik gehörte und offiziell, als Hauptort des Tschernivzy Oblast,  russisch Tschernowzy und ukrainisch Tschernivzija hiess. Hier arbeitete er zuerst eine zeitlang als Lehrer, danach bis einige Jahre vor seinem Tod als Redakteur und Herausgeber der 1990 wiedergegründeten Tschernowizer bleter sowie als freier Schriftsteller und Übersetzer.

Im September 1992 sagte Josef Burg in einem beeindruckenden Interview für den Bayerischen Rundfunk und die Jüdische Kulturbühne in München:

„Unsere ostjüdische Kultur ist im Massengrab versunken, doch unsere Welt ist noch nicht verloren und vergessen. Solang es die Erinnerung und unsere Sprache, unsere ‚mameloschn', gibt, solange lebt das Ostjudentum weiter. Jiddisch, diese Sprache voll Klang, Humor und Geist, diese Weltsprache des Judentums, ist noch lebendig vorhanden; es wird noch überall, wo Ostjuden leben, von Birobidschan bis New York, von Paris bis Johannesburg, jiddisch gesprochen und gesungen. Und jeder  jiddische Satz, gesprochen oder geschrieben, ist ein Ruf gegen das Vergessen!"

Gegen dieses Vergessen hat Josef Burg zeit seines leidgeprägten, wechselvollen Lebens als Schriftsteller und Journalist angekämpft, um dann nach fast sechs Jahrzehnten, 1992, rückblickend  festzustellen:

„Was mich geformt hat, was mich freut, was mich schmerzt, habe ich in meiner ‚loschn' zum Ausdruck gebracht, denn Jiddisch ist für mich Bukowiner nicht nur eine Sprache, es ist eine Welt, ein Bekenntnis [...] Jiddisch ist ‚a loschn beazmoj'",

was soviel heissen soll, dass Jiddisch „eine Sprache für sich ist" und nicht etwa ein „verhunztes Judendeutsch", wie manchmal bösartig behauptet wurde.

Burg hatte bereits 1934 mit der Erzählung Ojfn splaw (Auf dem Floss) in der jiddischen Zeitung Tschernowizer bleter debütiert, und fünf Jahre später mit Geschichten, die er unter dem gemeinsamen Titel Ojfn Tscheremousch (Auf dem Tscheremousch) vereinte. Anfang der 1980er Jahre folgten zwei Prosabände, die er im Moskauer Verlag des Sowjetischen Schriftstellerverbandes veröffentlichte: Dos lebn gejt wajter, 1980 (Das Leben geht weiter) und Iberuk fun tsajtn, 1983 (Verschobene Zeiten).

Nachdem schon 1988 in der DDR, im bekannten St. Benno Verlag, Leipzig, ein repräsentativer Band mit Skizzen und Erzählungen, Ein Gesang über allen Gesängen, erschienen war, begann der verdienstvolle Verleger Hans Boldt, Winsen/Luhe, ab 1980 bis 2008  in regelmässiger Folge kleine, grafisch exzellent gestaltete Prosabände mit ausgewählten Kurzgeschichten von Josef Burg herauszubringen: Irrfahrten, Sterne altern nicht, Dämmerung, Mein Czernowitz, Begegnungen. Eine Karpatenreise, Über jiddische Dichter und Ein Stück trockenes Brot.. Die einfühlsamen Übersetzungen aus dem Jiddischen ins Deutsche besorgten Beate Petras und Armin Eidherr.

„Vier Millionen jiddisch sprechende Menschen, darunter viele Kinder, wurden während der Schoa ermordet", erinnerte sich Josef Burg,

„unter ihnen auch meine Familie. Das darf man nicht vergessen. Nie und niemals! Doch ich mache heute nicht die zweite oder gar dritte Generation der Deutschen dafür verantwortlich. Die heute Geborenen können sich nicht für etwas verantworten, für Verbrechen, die einzigartig in der Geschichte der Menschheit sind, die ihre Grossväter begangen haben. Verantwortlich am Mord sind aber nicht nur alle Täter, sondern auch alle Mithelfer, alle Mitläufer, alle eben, die gewusst und geschwiegen haben. Die heute Geborenen sind nicht mitschuldig. Aber eines müssen sie mit sich tragen: Das Wissen um das Verbrechen ihrer Väter oder Grossväter. Diese Last können sie nicht einfach abwerfen. Aber Wissen, Reue und Bedauern sind auch die Voraussetzungen für einen möglichen gemeinsamen Weg. Und dafür setze ich mich als Schriftsteller und Herausgeber der Tschernowizer bleter ein: 150 Jahre gab es einen gemeinsamen bukowinischen Geist - Juden, Deutsche, Rumänen, Ukrainer, Polen, Armenier, Slowaken, Ungarn, Lipowaner und andere Bevölkerungsgruppen lebten hier friedlich beisammen. Man war Bukowiner, das heisst man war tolerant und gastfreundlich. Dieser gute bukowinische Geist wurde durch den faschistischen Ungeist vernichtet. In einer Welt von morgen müssen wir das wieder aufbauen, was uns früher geeint hat [...]."

Josef Burg, eine der letzten grossen jiddischen Stimmen der Bukowina, ist für immer verstummt. Zurück geblieben ist eine stille, schmerzliche Leere.