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Ausgabe 89

„Kolonne Grünspan lernt arbeiten“

Im Jüdischen Museum Berlin: Eine Ausstellung klagt an

Claus STEPHANI


Es ist ein Bild, das man nicht vergisst. Ein Jude steht in einer Grube, er hält eine Schaufel in den Händen und blickt nach oben.  Am Rande der Grube steht ein deutscher Soldat. Der Jude blickt auf zum Soldaten, die Angst spricht aus seinem Gesicht. Doch der Jude schweigt. Der deutsche Soldat sieht auf den Juden herab, und an seinem weit geöffneten Mund merkt man: er brüllt den Juden an - der „Herrenmensch" in Uniform befielt etwas dem „Untermenschen" in der Grube.

Im Hintergrund, auf der anderen Seite der Grube, sieht man noch einen Soldaten und neben ihm drei Zivilpersonen. Ein Mann, ein Junge und ein Mädchen. Es könnten sogenannte „Volksdeutsche" sein. Denn es ist leicht zu erkennen: der Mann in der Grube mit der Schildmütze ist ein Ostjude, der hier Schwerstarbeit verrichten muss. Das scheint die vier Zuschauer zu belustigen. Aus dem Gesicht des kleinen Mädchens spricht Häme, Schadenfreude. Und dabei ist das Mädchen noch ein Kind.

Eigentlich aber sind es viele Bilder, die man nicht vergessen kann und nicht vergessen darf. Denn ausser rund 450 historischen Aufnahmen, gab es hier auch über 500 Dokumente, Zeitungsausschnitte, Archivmaterial sowie andere stumme Zeugen bzw. gegenständliche Objekte (Arbeitsbücher, Adressmaschinen, Werkausweise) aus jener Zeit, die vom 28. September 2010 bis zum 30. Januar 2011 im Jüdischen Museum Berlin in der Sonderausstellung „Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg" zu sehen waren. Die Schirmherrschaft für diese bisher einmalige Ausstellung, die in den nächsten Jahren auch in anderen europäischen Hauptstädten und in den USA gezeigt wird, übernahm der deutsche Bundespräsident  Christian Wulff.

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Zwangsarbeiter. Foto: C. Stephani.

Es ist das bleibende Verdienst der drei Kuratoren von der Stiftung der KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora - Prof. Dr. Volkhard Knigge (Gesamtleitung), Dr. Jens-Christian Wagner und Ricola-Gunnar Lüttgenau -, dass dieses umfassende und dokumentarisch äusserst informative Projekt auf einer Fläche von 900 qm realisiert wurde. Denn heute ist kaum noch bekannt, dass in der Nazi-Ära über 20 Millionen Männer, Frauen und sogar auch Kinder aus fast allen Ländern Europas als „Fremdarbeiter" ins Deutsche Reich deportiert wurden oder als KZ-Häftlinge in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten Zwangsarbeit leisten mussten.  Spätestens seit dem Kriegsjahr 1942 gab es überall in Nazi-Deutschland Zwangsarbeiter, die in Fabriken, in der Landwirtschaft, in öffentlichen Einrichtungen oder auch in Privathaushalten eingesetzt und wie Sklaven ausgebeutet wurden.

Die Exponate und somit auch das gesamte, umfangreiche Bildmaterial wurde in vier grosse  thematische Abschnitte gegliedert: Erstens - die Jahre 1933 bis 1939, wo die rassistisch-ideologischen Wurzeln der Zwangsarbeit sichtbar werden; zweitens - die Radikalisierung und Ausweitung der sklavenmässigen Ausbeutung von „Fremdarbeitern"; drittens - die Zwangsarbeit als Massenphänomen im Deutschen Reich ab 1941/42 und die Massaker an Zwangsarbeitern bei Kriegsende; und viertens - die Zeit von der Befreiung (1945) bis zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung und Anerkennung der Zwangsarbeit als Verbrechen, wobei auch ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zu Wort kommen.

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"Kolonne Grünspan". Foto: C. Stephani.

Den Kern der Ausstellung bildeten über sechzig repräsentative Fallgeschichten, die das Ergebnis akribischer Recherchen in verschiedenen europäischen Ländern, in Israel und in den USA sind. Sie wurden aus Hunderten von Interviews und Erinnerungsgesprächen mit ehemaligen Zwangsarbeitern ausgesucht. Ausserdem konnten sich die Besucher an insgesamt 39 Screens und 32 Hörstationen mit 38 Zeitzeugenberichten über zahlreiche Einzelschicksale informieren.

Dabei wird deutlich, dass es insgesamt sechs Kategorien von Zwangsarbeitern gegeben hatte. Denn ausser Strafgefangenen, d.h. Insassen von Gefängnissen -  meist Deutsche (etwa 200.000) -, gab es dann noch „Fremdarbeiter", Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge, „Arbeitsjuden" und die Gruppe der Sinti und Roma, die zur Zwangsarbeit herangezogen wurden.

Innerhalb der nach Deutschland deportierten Zivil-arbeiter und Zivilarbeiterinnen aus den besetzten Gebieten (8,4 Millionen), waren die Existenzbedingungen für Polen und „Ostarbeiter" (sowjetische Männer, Frauen und Kinder) am schlechtesten. Nachdem sich die Wehrmacht nicht an das Genfer Kriegsgefangenenabkommen von 1929 hielt, wurden besonders polnische, italienische, französische und sowjetische Kriegsgefangene (etwa 4,6 Millionen) in der Rüstungsindustrie und in der Landwirtschaft eingesetzt. Ab 1943 wurden dann auch viele KZ-Häftlinge (etwa eine Million) zur Zwangsarbeit  in der Rüstungsindustrie und im Strassenbau  herangezogen. Die jüdische Bevölkerung im deutschen Machtbereich hingegen wurde schon ab 1938 zur Zwangsarbeit ausgehoben.

Diese Menschen (etwa 110.000 innerhalb der Reichsgrenzen) waren unter schwersten existenziellen Bedingungen in Arbeitslagern und Ghettos untergebracht und versuchten verzweifelt zu überleben. Doch fast alle wurden später, nachdem sie für Arbeit nicht mehr „nützlich" waren, in den Vernichtungslagern ermordet. Ab Herbst 1944 mussten auch sogenannte „Halbjuden und jüdisch Versippte" Zwangsarbeit leisten. Ende der 1930er Jahre begannen die Nazis auch Sinti und Roma zur Zwangsarbeit heranzuziehen. Darüber werden keine genaue Zahl angeführt.

Wie dicht gestreut diese Arbeitslager im Reichsgebiet waren, sei hier nur am Beispiel der bayerischen Landeshauptstadt verdeutlicht: Im Stadtgebiet München gab es 1940 über 400 Arbeitslager, in denen Männer und Frauen aus Frankreich, Italien, Holland und aus der Tschechoslowakei arbeiten mussten. Oder ein anderes Beispiel aus  Frankreich: im Gebiet um Cherbourg unterhielt die „Organisation Todt" zusammen mit deutschen Firmen 39 Lager für über 100.000 französische und sowjetische Zwangsarbeiter.

In der zweiten Kriegshälfte wurden dann „zum Reichseinsatz" auch immer mehr Kinder aus dem besetzten Osteuropa deportiert und zur Zwangsarbeit in deutschen Betrieben gezwungen. So arbeiteten in den letzten Kriegsjahren allein in den Kölner Sidol-Werken unter unmenschlichen Bedingungen 70 sowjetische Kinder und Jugendliche. Die offizielle Altersgrenze von zehn Jahren wurde dabei oft unterschritten.

Unter den Registrierkarten der  Kindersklaven ist auch jene von Emilia Abramczuk, geboren am 2. März 1934 in Tysmenycia. Die Achtjährige, die uns aus ihrem Ausweisfoto als „landwirtschaftliche Arbeiterin" anschaut, wurde, zusammen mit ihrem Vater, der schwangeren Mutter und ihrer jüngeren Schwester zur Zwangsarbeit nach Baden deportiert. Oder dann das Bild einer ukrainischen Familie, die im Mai 1943 zur Zwangsarbeit nach Volzum (Niedersachsen) verschleppt wurde.

Ein Kapitel für sich  stellen die zahlreichen Fotos dar, in denen jüdische Menschen verhöhnt werden. Es sind Aufnahmen, die meist von deutschen Soldaten an Nazi-Medien eingeschickt wurden. Darunter auch ein Bild, auf dem Rabbiner Nussbaum 1938 im „Judenlager" Hofheine/Mainfranken zu sehen ist, wie er erniedrigende Arbeiten verrichten muss. Daneben ein anderes grossformatiges Bild: „Kolonne Grünspan lernt arbeiten". Und daneben immer die hämischen Gesichter der Uniformierten, die, wie man sieht, am Leid dieser Menschen ihren besonderen Spass hatten.

Während des Zweiten Weltkriegs mussten im Grossdeutschen Reich mehr als 13 Millionen deportierte, nichtdeutsche Menschen Zwangsarbeit leisten: Männer, Frauen und Kinder. Hinzu kommen mindestens 7 Millionen in den besetzten Gebieten. Damit liegt die Gesamtzahl bei über 20 Millionen. Allein im grossdeutschen Reichsgebiet starben zwischen 1933 und 1945 etwa 2,7 Millionen Zwangsarbeiter - darunter auch viele Kinder - an den Folgen von auszehrenden Arbeitsbedingungen, Hunger, Misshandlungen durch Aufsichtskräfte, Mord... Das berichten einige der zahlreichen statistischen Angaben, die in dieser Ausstellung zu sehen waren.

Doch hinter jeder Zahl und hinter jedem Bild verbirgt sich ein Schicksal, ein Leben, das oft nicht zu Ende gelebt wurde. Und so sagen diese Bilder aus dem „Alltag" mehr aus als Worte. Sie sprechen eine stumme, mahnende Sprache, die man nicht vergisst.