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Ausgabe 94

Ein Gromeister der Fotografie

Zur Werkschau Helmut Newton in Salzburg

Claus STEPHANI


     Das Museum der Moderne (MdM) auf dem Mönchsberg in Salzburg ermöglicht durch seine Glasfassade nicht nur eine einmalige Aussicht auf die Stadt sondern es ist auch durch den spiralenartig angelegten Innenraum, den Blick auf die Skulpturenterrasse und durch das gesamte Raumkonzept ein architektonisch-kubistisches Kunstwerk für sich. Als Teil des 1983 eingerichteten Stammhauses Rupertinum in der Salzburger Innenstadt werden hier seit 2004 immer wieder repräsentative Werke österreichischer und internationaler Gegenwartskunst und der klassischen Moderne gezeigt. So beherbergt das MdM außer Gemälden und Skulpturen eine umfassende Sammlung von grafischen Arbeiten und österreichischen Fotografien ab 1945, wie z.B. die Sammlung „Fotografien des Landes Oberösterreich", die es nun als Dauerleihgabe verwaltet.

     Nach Ausstellungen mit Videoporträts des Lichtdesigners Robert Wilson, Aquarellen und Grafiken von Emil Nolde („Mensch, Natur, Mythos") und Skulpturen von Evan Penny („Rendering Realities") veranstaltete das MdM  zwischen 2011-2012 eine große fotografische Werkschau, die sich zum künstlerischen Ereignis gestaltete. Denn hier wurden zum ersten Mal über 100 spektakulär wirkende Arbeiten aus der Sammlung MAP gezeigt, die in den letzten vier Jahrzehnten entstanden sind. Es waren Fotografien von Helmut Newton (1920-2004) und  Nobuyoshi Araki (geb. 1940).  Unter dem skurril wirkenden Titel „nAcKT" präsentierte so das MdM zwei international renommierte, wenn auch recht unterschiedliche Kunstfotografen, die sich aus dem Blickwinkel verschiedener Kulturkreise und in eigenständiger Sichtweise ihrer Fotomotive - hier vornehmlich weibliche Körper - künstlerisch näherten.

     Helmut Newton gehört, wie auch Alfred Stieglitz, Gisèle Freund, Bettina Rheims und Erich Salomon - letzterer kam bereits 1944 in Auschwitz zu Tode - zu jenen herausragenden Fotokünstlern des 20. Jahrhunderts, die durch ihre Bilder ein beziehungsreiches Verhältnis zwischen Mensch, sozialem Milieu, Alltag, Mode und Geschlechtlichkeit gestaltet haben. Hier kann Alfred Stieglitz zitiert werden, der einst sagte: „Ich habe eine Vorstellung vom Leben und versuche, dafür ein Äquivalent in Form von Fotografien zu finden. Denn ein Mangel an innerer Vision zeichnet die meisten Fotografen aus und lässt nur wenige zu echten Fotografen werden (...). Es gibt Kunst, und es gibt Nichtkunst. Dazwischen gibt es nichts."

     Als die Nationalsozialisten nach 1933 planmäßig dran gingen, auch die Fotografie für ihre ideologischen Ziele zu missbrauchen, wurden  namhafte, international bekannte Fotokünstler jüdischer Herkunft aus Deutschland und Österreich bedroht und verfolgt und mussten deshalb das Land fluchtartig verlassen. Martin  Munkacsi (er stammte, wie auch Jules Brassai, alias Gyula Halász, aus der ehemaligen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn),  Alfred Eisenstaedt, Ilse Bing und Erwin Blumenfeld gingen in die USA. Tim N. Gidal wanderte nach Palästina aus. Josef Breitenbach, Gerda Taro (Gerta Pohorylle), Robert Capa (André Friedmann) flohen, wie auch Gisèle Freund, nach Frankreich. Kurt Hutton (Kurt Hübschmann), John Heartfied (Helmut Herzfelde) und Felix H. Man (Hans Baumann) reisten nach England aus. Einige renommierte Kunstfotografen, wie John Heartfield,  verschlug es zeitweilig nach Prag, wo sich damals, vor dem Einmarsch der deutschen Truppen, eine experimentierfreudige Szene etabliert hatte, zu der Adolf Schneeberger, Jaroslav Rössler, Jaromir Funke u.a. gehörten.

     „Mit zwei Kameras im Gepäck", emigrierte Helmut Newton, wie er sich später erinnerte, via Triest und Singapur nach Australien, wo er sich 1940 niederließ. Seine Lehrerin, die renommierte Berliner Akt- und Modefotografin Yva (Else Neuländer-Simon) musste 1938 ihr Studio wegen Berufsverbot schließen. Sie hatte bis dahin für den Ullstein-Verlag gearbeitet und zahlreiche namhafte Persönlichkeiten jener Zeit porträtiert. Bald danach wurde sie von den Nazis verhaftet, deportiert und 1942 vermutlich im KZ Maidanek ermordet. Im so entstandenen „Freiraum" etablierte sich nun rasch eine Schutzstaffel von kniefälligen Hoffotografen, wie Heinrich Hoffmann, Ernst „Putzi" Hanfstaengel u.a.,  die sich in den nachfolgenden dunklen Jahren der Nazidiktatur durch zeitkonforme Lichtbilder  andienten.

     Helmut Newton wurde am 31. Oktober 1920 als Helmut Neustädter und Sohn einer wohlhabenden, bürgerlichen, jüdischen Fabrikantenfamilie in Berlin-Schöneberg geboren. Im Jahr 1936 brach er ohne Abschluss den Schulbesuch ab und begann eine Lehre als Fotograf im bereits erwähnten Atelier von Yva. Am 5. Dezember 1938, kurz  nach seinem 18. Geburtstag, musste er dann Deutschland fluchtartig verlassen. In Singapur, seinem ersten längeren Aufenthalt, war er zwei Wochen hindurch als Bildreporter für die „The Straits Times" tätig, wonach ihm jedoch wegen angeblicher „beruflicher Unfähigkeit" gekündigt wurde.

     In Australien arbeitete Helmut Newton dann zuerst als LKW-Fahrer bei der Armee. Erst nach Kriegsende, 1945,  konnte  er in Melbourne ein eigenes Fotostudio eröffnen, und ein Jahr später erhielt er die australische Staatsbürgerschaft. Hier, in Melbourne, lernte er die Schauspielerin June Browne (Künstlername June Brunell) kennen, die er bald heiratete und mit der er bis an sein Lebensende zusammen blieb. Sie war dann ab den 1970er Jahren unter dem Pseudonym Alice Springs auch als Fotografin erfolgreich tätig.

     Den großen beruflichen Durchbruch schaffte Newton schließlich 1956, als er in London einen Jahresvertrag mit der britischen „Vogue" abschloss und, danach wieder in Melbourne, einen mit der australischen Ausgabe der „Vogue", seinem Hauptarbeitgeber. In den folgenden Jahren ergaben sich weitere lukrative Zusammenarbeiten, so mit der französischen „Vogue" und der „Elle". Nun zeigte Newton 1975 seine erste Einzelausstellung in der „Nikon Galerie" in Paris, und 1976 erschien sein erster Bildband „White  Woman". Damals schon war Newton einer der renommiertesten und teuersten Mode-, Werbe- Porträt- und Aktfotografen der Welt. Seit 1981 lebte er mit seiner Frau June während der Sommermonate in Monaco und im Winter in Los Angeles. In der kalifornischen Hauptstadt verunglückte er am 24. Januar 2004 mit seinem teuren Cadillac und starb einen Tag später im Cedars-Sinai Medical Center.     

     Es war eine lobenswerte Initiative des MdM, diese spektakuläre Werkschau in schönster und erhabener Ambiente auf dem Salzburger Mönchsberg zu zeigen - eine reiche Retrospektive, die als exemplarische Vorstudien frühe Polaroidaufnahmen sowie nachfolgende Bildergebnisse aus den bekannten Serien „Big Nudes, Domestic Nudes" und „Cyberwomen" vereinte. So wurde bildhaft und vielseitig an diesen zeitlebens umstrittenen „australischen" Fotokünstler deutsch-jüdischer Herkunft, dem selbstbewussten „Altmeister der Modefotografie und Großmeister der Aktfotografie" (G. Ch. Rump) erinnert. Denn Helmut Newton war durch seine professionelle Obsession für die Ästhetik der Fotografie im 20. Jahrhundert wegweisend, da er den nackten Körper, die „perfekte Ikone der Weiblichkeit" und Schöpfung, ins Licht einer neuen, Vollkommenheit anstrebenden Aktbildnerei stellte. Auch wenn die sensible Wechselwirkung zwischen dem sorgfältig kalkulierten, künstlerisch-kreativen Vorgang und der Rezeption des Betrachters nicht immer richtig erkannt und gedeutet wurde und manchmal zu seltsamen sexistischen Anschuldigungen führte, genießt Helmut Newton heute, als ein großer Klassiker der Nachmoderne, bleibenden Kultstatus.