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Chanukka 5784/2023 Was hinter der Geschichte des Chanukka-festes steckt

Rabbiner Joel Berger

Inhalt

Die Ereignisse, die zum Entstehen des Chanukka-Festes führen, fanden in einer besonders turbulenten Phase der jüdischen Geschichte statt. Um 200 v.d.Z. geriet Judäa unter die Kontrolle von Antiochus III., dem seleukidischen König von Syrien, der den dort lebenden Juden erlaubte, ihre Religion weiterhin zu praktizieren. 

 

Sein Sohn, Antiochus IV. Epiphanes, erwies sich als weniger wohlwollend: Antike Quellen berichten, dass er die jüdische Religion verbat und den Juden befahl, griechische G'tter zu verehren. Im Jahr 168 v.d.Z. fielen seine Soldaten über Jerusalem her, massakrierten tausende von Menschen und entweihten den heiligen Zweiten Tempel der Stadt, indem sie einen Altar für Zeus errichteten. 

 

Unter der Führung des jüdischen Priesters Mattitjahu und seiner fünf Söhne brach ein gross angelegter Aufstand gegen Antiochus und die Seleukidenmonarchie aus. Innerhalb von zwei Jahren hatten die Juden die Syrer erfolgreich aus Jerusalem vertrieben. Um seinen Heldenmut und seine Tapferkeit zu ehren, wurde Jehuda mit dem Beinamen „Makkabi“ ausgezeichnet, was, auf eine aramäische Wurzel zurückgehend, der „Hämmerer“ bedeutet. Die Symbolik des Hammers spricht für Jehudas furchtlose Tapferkeit und seinen entschlossenen, unverzagten Kampfgeist. 

 

Als die Makkabäer den Tempel wieder einweihen wollten, wurden sie Zeugen eines Wunders. Obwohl es nur kultisch reines Olivenöl gab, um die Kerzen der Menora einen Tag lang brennen zu lassen, flackerten die Flammen acht Nächte lang weiter. Dieses wundersame Ereignis inspirierte die jüdischen Weisen, ein jährliches, achttägiges Fest auszurufen: Chanukka, was so viel wie „Wiedereinweihung“ bedeutet. 

 

Was aber steckt genau hinter der Geschichte von Chanukka? Hier einige historische Hintergründe. In unserer langen Geschichte haben nur wenige Personen das geistige Überleben des jüdischen Volkes so bedroht wie Antiochus IV. Epiphanes. In dem Bestreben, sein Reich zu festigen und sein eigenes ewiges Erbe zu sichern, setzte er alles daran, sämtliche Völker, die unter seiner Herrschaft lebten, zu hellenisieren. Doch kein Volk bekam die Auswirkungen dieser Pläne mehr zu spüren als die Juden in der kleinen Provinz Judäa.

 

Bereits früh in seiner Amtszeit liess Antiochus mit Hilfe seines persönlich ernannten Hohepriesters Jason in Jerusalem eine Wettkampf-Arena errichten, die sich in unmittelbarer Nähe des Bet Hamikdasch, des Tempels befand. Auch heidnische Statuen und Altäre waren vorhanden. Vor Beginn der Wettkämpfe wurden den griechischen G'ttern Opfer dargebracht.

 

Im Laufe seiner Herrschaft intensivierte Antiochus seine Bemühungen um eine Hellenisierung. Die jüdische Bevölkerung sollte mit der antiken griechischen Kultur, deren Lebensformen und heidnischen Riten durchdrungen werden. Unter Androhung der Todesstrafe wurden die wichtigsten jüdischen Rituale wie Tempelopfer, das Begehen des Schabbats, die Beschneidung der Knaben und das Studium der Tora verboten. 

 

Die Gesetze der Schabbat- und Festtage durften nicht mehr eingehalten werden. Altäre, Götzen und heidnische Stätten wurden im ganzen Land errichtet. Schweine und andere unreine Tiere wurden von den Eroberern als Opfer dargebracht. Die jüdischen Einwohner sollten das traditionell jüdische Gesetz vergessen und alle ihre Satzungen ändern. Ungehorsam wurde mit dem Tod bestraft. (1. Makkabäer 1:44-50) Wenn gegen seine Erlasse verstossen wurde, reagierte Antiochus mit äusserster Grausamkeit. 

 

Der heilige Tempel zu Jerusalem wurde in frevelhafter Weise in ein Haus des Zeus umgewandelt. Keinem anderen Volk hat Antiochus solche religiösen Beschränkungen auferlegt. 

Offensichtlich erkannte er, dass die meisten Juden sich weiterhin hartnäckig allen Versuchen der Hellenisierung widersetzen würden. Jedoch befolgten einige die Befehle des Königs, entweder freiwillig oder aus Furcht vor der angekündigten Strafe. Aber die besten und edelsten unter der Bevölkerung beachteten die herrschaftlichen Anordnungen nicht. Sie erlitten jeden Tag grosses Elend und bittere Qualen; denn sie wurden mit Ruten ausgepeitscht, und ihre Körper wurden in Stücke gerissen und gekreuzigt. Und wenn man ein heiliges Buch des Gesetzes fand, wurde es vernichtet, und die, bei denen man es fand, kamen auch jämmerlich um. (Flavius Josephus, Altertümer 12:255-6)

 

Die Juden zeigten trotz der drohenden, qualvollen Folter und des Todes, der ihnen drohte, eine enorme Widerstandsfähigkeit und Geistesstärke. Sie leisteten passiven Widerstand und zogen das Martyrium der Revolte vor. Jedoch zeigt keine Geschichte den Geist des jüdischen Märtyrertums stärker als die Geschichte von Chana, der jüdischen Mutter, die mit ihren sieben Söhnen den Märtyrertod wählte, anstatt dem Zeus zu huldigen.

 

Die bewaffnete Rebellion des Judas Makkabäus brachte dem jüdischen Volk das zurück, was ihm Antiochus durch die unnachgiebige Anpassung seiner Untertanen geraubt hatte: die freie Ausübung der jüdischen Religion und die politische Unabhängigkeit des Landes Judäa.

 

Die Lehren aus der Chanukka-Geschichte ermahnen uns auch heute durch die Botschaft des Propheten Secharja (4:6), die man am Schabbat während der Chanukka-Tage vorträgt: 

 

„Nicht durch Stärke (wirke Ich) und nicht durch Macht, sondern durch Meinen Geist – so spricht der Herr der Heerscharen.“