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Das sefardische Kulturerbe in Israel

Robert Schild

In Israels nunmehr 76. Bestehungsjahr zählt die israelische Bevölkerung fast zehn Millionen Einwohner. Darunter sind rund 74 Prozent jüdischen, 21 Prozent muslimischen und 5 Prozent christlichen Glaubens.

Inhalt

Andererseits führt die landesweite Volkszählung keine Klassifizierung der ethnischen Zugehörigkeiten an. Inoffizielle Erhebungen jedoch stufen die knapp über acht Millionen zählende jüdische Bevölkerung mit rund 45 Prozent als Misrachim (hebr.: Östliche), 32 Prozent als Aschkenasim, 12 Prozent „aus sowjetischer“ und 3 Prozent „aus äthiopischer Herkunft“ ein, mit den verbleibenden 8 Prozent als „Sonstige“. Die als Misrachi bezeichnete Gemeinschaft stammt aus benachbarten Nahostländern, aus dem nordafrikanischen Maghreb sowie den ehemaligen Sowjetrepubliken um das Kaspische Meer, mit fast überwiegend muslimischer, und teilweise Arabisch sprechender Bevölkerung.

 

Wo sind nun die Sefardim in dieser Klassifizierung einzuordnen? Etwa, wie mehrere Soziologen fälschlich behaupten, zu den Misrachi oder vielleicht gar zu den „Sonstigen“? Ein Blick auf die Bevölkerungsstatistiken des späten 20. Jahrhunderts zeigt um die 75.000 bis 100.000 Einwanderer, die als „Herkunft“ die Türkei beziehungsweise 45.000 bis 50.000, die ihre Heimat als Bulgarien und Griechenland bezeichnen, das heisst, Länder mit einem dominierend sefardischen Anteil an ihrer jüdischen Bevölkerung. Demnach lässt sich auf eine sefardische Gemeinschaft in Israel von etwa 150.000, allenfalls höchstens 200.000 schätzen, womit am grosszügig­sten gerechnet auf einen Anteil von maximal drei Prozent der jüdischen Bevölkerung in Israel zu schliessen wäre.

 

Es wird aber für die Sefarden von Jahr zu Jahr noch „enger“. Bedingt durch häufig anzutreffende Mischehen „verschmilzt“ diese ethnische Bevölkerungsgruppe Israels immer mehr mit den zahlreichen aschkenasischen beziehungsweise misrachischen Gemeinschaften – und infolgedessen besteht die Gefahr, dass das von ihren Eltern oder vielmehr Gross­eltern gesprochene Judeospanisch (oder Ladino) als Erstes verschwindet, in der nachfolgenden Generation einige sefardische Kulturelemente, und schliesslich die eine oder andere, eher mediterrane, authentische Tradition. 

Dieser von Jahr zu Jahr sich verstärkenden Verschiebung des ethnischen Gleichgewichts und der Erosion des sefardischen Kulturgutes musste vorerst auf institutioneller Weise entgegengearbeitet werden. So entstand bereits vor dreissig Jahren die von Dr. Yehoshua Selim Salti aus Istanbul ins Leben gerufene Salti-Stiftung mit der Vision ihres Gründers, die Kultur und das Erbe der judeospanischen Sprache zu erhalten, zu stärken und zu schützen. Die Stiftung unterstützt das Salti-Institut für Ladino-Studien an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv, das im Jahr 2003 als akademisches Zentrum gegründet wurde. Dieser dynamische Knotenpunkt für Studien über die gefährdete sefardische Muttersprache und Kultur ermöglicht es einheimischen und internationalen Akademikern, Forschern und Studenten, eingehende linguistische Studien über diese Sprache zu betreiben und gleichzeitig der interessierten Allgemeinheit die Möglichkeit zu geben, sich durch verschiedene Programme mit diesem Kulturerbe zu beschäftigen.

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Mit dem Institutsdirektor Dr. Dov Cohen und dessen Begründer Dr. Selim Salti.

Die im Rahmen der Forschungs- und Diplomarbeiten am Institut verfassten Studien werden jedes Jahr in einer Broschüre mit dem Titel LADINAR veröffentlicht. Diese Publikationen erscheinen auf Judeospanisch, Hebräisch, Englisch oder Spanisch. Ausserdem findet einmal im Jahr der sogenannte „Ladino-Marathon” an der Bar-Ilan-Universität statt, ein ausgedehntes Tagesseminar mit diversen einschlägigen Themen, das von zahlreichen Interessenten weltweit besucht wird – leider aber mit einem beachtlich hohen Durchschnittsalter. Andererseits zeigen die Master- und Doktorats-Studiengänge Teilnehmer zwischen 25 und 30 Jahren, was für die Zukunft Hoffnung bereitet. 

Mit regelmässigen Besuchen internationaler Post-Doc-Forscher, allfälligen Konferenzen, einer regen Zusammenarbeit mit europäischen und amerikanischen Universitäten sowie einer reichen Forschungsbibliothek hat es das Salti-Institut in den zwanzig Jahren seines Bestehens zweifellos erreicht, Ladino in Israel auf die akademische Landkarte zu setzen. Aber auch die „benachbarte“ Türkei kann zu diesem Themenkreis äusserst wertvolle Impulse beitragen, hat doch das Osmanische Reich mit der Aufnahme der 1492 aus Spanien vertriebenen Juden über 500 Jahre der sefardischen Kultur einen fruchtbaren Boden bereitet.

 

Ausgehend davon hat das neu ins Leben gerufene „Türkei-Programm“ eine rege kulturelle Interaktion mit den Nachfahren der ehemaligen Spaniolen von Istanbul und ­Izmir­ ins Leben gerufen. Dieser geschlossene Lehrgang beinhaltet nicht nur Studien über das Osmanische Reich und die Türkei, sondern auch Gastvorträge von Experten aus diesem Land. Diese gehen von der Geschichte und Kultur der Juden in der Türkei aus und reichen bis zu ihrem reichen sefardischen Erbe, mit Umrissen über seine Traditionen, über die judeospanische Sprache, über die Literatur und Musik mit ihrem spanischen Hintergrund bis hin zu zeitgenössischen Interpreten. Sinn und Zweck dieser auf Hebräisch und Englisch angeboten Seminare ist vor allem die Ausbildung zu zertifizierten Führern durch die sefardische Kulturlandschaft. Somit können Studienreisen in die Türkei zu historischen und aktuellen Stätten dieses noch vitalen Judentums durchgeführt werden, die auch Begegnungen mit den dort ansässigen Sefarden ermöglichen sollen.

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Mit dem Gründungsdirektor und jetzigen Dekan Prof. Shmuel Refael.

Bei der Verfassung dieses Artikels war ein Beginn dieses Programms im Sommer 2024 vorgesehen, zu dem die Vorarbeiten so gut wie abgeschlossen waren. Leider wird sich dies infolge des Gaza-Krieges mit einem nachfolgenden Rückfall der Beziehungen zwischen Israel und der Türkei verzögern müssen.

Nachlese: http://www.ladinobiu.co.il/English.html

Alle Abbildungen: Salti-Institut, mit freundlicher Genehmigung.